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71 Tote im Kühllaster – Prozess wegen Mordes in Ungarn angelaufen

Am 27. August 2015 wurden in einem Kühllastwagen bei Parndorf (Österreich) 71 tote Migranten gefunden. Heute begann der Prozess in Kecskemét in Ungarn mit 59.000 Seiten Ermittlungsmaterial gegen zehn der elf Schleppern.

In dem Prozess sind elf Männer, zehn Bulgaren und ein Afghane, angeklagt. Zehn Tatverdächtigen sitzen seit ihrer Festnahme in Ungarn in Untersuchungshaft, einer der Bulgaren ist noch auf der Flucht.

Sie alle sollen zu dem Schleppernetzwerk gehören, das zwischen Februar und August 2015 insgesamt 31 illegale Transporte organisierte. Die Bande soll 1200 Menschen über Ungarn nach Westeuropa geschmuggelt und dabei mindestens 300 000 Euro verdient haben. In Laderäumen von Lkws seien die Flüchtlinge immer wieder zusammengedrängt worden. Nicht selten seien sie dem Tod nur knapp entronnen.

26 Anklagepunkte werden im Gericht in Kecskemét in Ungarn verhandelt. Anklagepunkt 25 bezieht sich auf die sog. Todesfahrt des Kühllasters, die mit dem grausamen Erstickungstod von 71 Migranten endete. Die ungarische Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die vier beteiligten Männer den Tod der Menschen im Laderaum wissentlich in Kauf nahmen – deshalb wird ihnen zusätzlich Mord vorgeworfen.

Ehe der Prozess begann, wurden die Angeklagten mit Kopfhörern ausgestattet, damit sie die Übersetzung der 10 Dolmetscher, die zwischen Ungarisch und Paschtu sowie Bulgarisch übersetzen müssen, mitverfolgen konnten. Der mutmaßliche Bandenboss und Hauptangeklagte, ein 30-jähriger Afghane, beschwerte sich zu Beginn der Verhandlung mehrfach über die angeblich mangelnden Sprachkenntnisse der Gerichtsdolmetscherin, die für ihn ins Paschtu übersetzt. Die Dolmetscherin verwehrt sich gegen die Vorwürfe.

Das Ermittlungsmaterial umfasst 59 000 Seiten, 15 Sachverständige sollen gehört werden. Die Staatsanwaltschaft dürfte die Anklage vor allem auf die abgehörten Telefongespräche zwischen den Bandenmitgliedern stützen. Zugleich sind auch sieben Zeugen geladen. Das Verfahren wird sich vermutlich bis Ende des Jahres ziehen. Internationale Medien begleiteten den Prozessauftakt mit enormem Interesse.

via mit.hu, sueddeutsche.de; Foto: dpa