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„Man muss auch den Deutschen Zeit geben“ – Interview mit Dr. Péter Györkös, Ungarns Botschafter in Deutschland

Dr. Péter Györkös, seit November 2015 außerordentlicher und bevollmächtigter Botschafter von Ungarn in der Bundesrepublik Deutschland, stand Ungarn Heute am 18. Oktober in der Botschaft von Ungarn in Berlin für ein Interview zur Verfügung. Botschafter Dr. Györkös erläuterte unterschiedliche Aspekte der deutsch-ungarischen Beziehungen und sprach über Politik, Wirtschaft, Kultur und vieles mehr.

– Herr Botschafter, Deutschland hat gewählt, in Ungarn wird im nächsten Jahr gewählt. Wie ist es, in dieser Periode Botschafter zu sein?

– Wir leben in einer Demokratie, insofern gibt es immer Wahlen. Hier in Deutschland sagt man: Nach der Wahl ist vor der Wahl. Und in Deutschland stehen wegen der föderalen Struktur des Landes, der Republik, ja mindestens zwei bis drei Wahlen im Jahr an. Dieses Jahr war sicherlich speziell, weil neben vier Landtagen auch ein neuer Bundestag gewählt wurde. Deutschland ist für Ungarn ganz eindeutig Partner und Verbündeter Nummer 1, da ist uns in keiner Hinsicht gleich, was hier geschieht, wenngleich wir nach diesem Wahlergebnis momentan auf viele Fragen keine Antworten haben. Auch für einen Botschafter kann es eine große Herausforderung sein zu verstehen, was in Deutschland passiert. Was mich beruhigt, ist, dass es auch für die Deutschen schwer ist zu verstehen, was in Deutschland los ist, weil gerade etwas Neues geschieht. Das ist klar.

Auch für Europa ist es eine sehr interessante, eine spannende Frage, was in Deutschland geschieht. Wenn wir uns vor dem Hintergrund des Brexit die neue Statik in Europa ansehen, die EU 27, dieses kontinentale Europa, dann wird das Gewicht Deutschlands schon rein statistisch gesehen viel größer sein: Bevölkerung, GDP, Exportleistung. Hinzu kommt, dass Deutschland inmitten des Kontinents liegt, zwischen Norden und Süden, zwischen Westen und Osten. Insofern ist es für uns, ist es für alle Europäer eine ganz grundsätzliche Frage, in welche Richtung sich Deutschland entwickeln wird.

Was wir momentan wissen, sind zwei Dinge: erstens, wir haben ein Wahlergebnis, ein kompliziertes Wahlergebnis, aber ein demokratisches, und zweitens, jetzt ist es an den deutschen politischen Parteien, einen Weg in Richtung funktionsfähige Regierung zu finden. Ich würde sagen, wir müssen Geduld haben. Ich finde es absolut unfair, antieuropäisch und undemokratisch, wenn vom Ausland versucht wird, Deutschland irgendwie unter Druck zu setzen, dass die Deutschen jetzt unbedingt gleich etwas zu Europa sagen sollen etc. Wenn wir schon so viel Zeit damit verbracht haben, auf Referenden, auf Wahlen in unterschiedlichen Ländern Europas zu warten – denn so ist Europa, wir 27 sind gemeinsam da – dann muss man auch den Deutschen Zeit geben.

Wann und mit welchem Ergebnis die Koalitionsverhandlungen abgeschlossen werden, ist momentan Kaffeesatzleserei. Klar ist, mit den sogenannten Jamaika-Verhandlungen wird neues Terrain betreten. Wenn man in Deutschland unterwegs ist, hilft es übrigens, die Nationalflaggen in der Welt zu kennen, in Sachsen-Anhalt z.B. gibt es eine Kenia-Koalition, wegen der Farben der Koalitionsparteien. Die Koalitionsverhandlungen beginnen heute. Und keiner weiß, ob es gelingen wird, diese Verhandlungen bis Weihnachten zumindest inhaltlich abzuschließen, ob diese Verhandlungen überhaupt abgeschlossen werden können, oder ob es zu einer anderen Koalitionsvariante kommt, was mathematisch möglich wäre, politisch sieht man das momentan aber noch nicht. Das ist einzig und allein und die Aufgabe und die Herausforderung für die im deutschen Bundestag vertretenen, dorthin gewählten Parteien.

– Die deutsch-ungarischen Wirtschaftsbeziehungen sind traditionell sehr intensiv. „Ungarn Heute“ berichtet oft über deutsche Investitionen in Ungarn, Sie haben auch hervorgehoben, dass Deutschland für Ungarn eindeutig Partner Nummer 1 ist. Woran liegt der Erfolg der Wirtschaftsbeziehungen?

– Hier geht es gleichzeitig sowohl um Qualität als auch um Quantität. Was die Quantität anbelangt, sind die Zahlen eindeutig, mehr als 6.000 Unternehmen aus Deutschland sind in Ungarn tätig. Von den ganz ganz großen bis hin zu den ganz kleinen. Von Daimler, Audi oder Bosch über die Familienunternehmen bis hin zu den mittelständischen und ganz kleinen Unternehmen. Sie sind überall in Ungarn präsent und beschäftigen mehr als 300.000 Ungarn. Das heißt, wenn man in Ungarn mit einem Durchschnittsfamilienmodell rechnet, dann hängt eigentlich jede zehnte Ungar direkt davon ab, wie diese wirtschaftliche Verflechtung funktioniert.

Aber es geht auch um die Qualität. Die deutschen Unternehmen sind mehrheitlich im produzierenden Gewerbe tätig, also misst die ungarische Regierung der Re-Industrialisierung des Landes große Bedeutung bei. Wir brauchen die Produktion. Allein über Dienstleistungen und Kapitalmärkte werden wir nicht in der Lage sein, im globalen Wettbewerb mitzuhalten. Was die Qualität anbelangt, geht es darum, global wettbewerbsfähig zu sein, zu bleiben und bleiben zu können. Europa ist sehr oft mit der eigenen Nabelschau beschäftigt, aber die Welt wartet nicht auf Europa. Wenn wir uns ansehen, wie der Anteil Europas am globalen BIP aussieht oder sein Anteil an der globalen Exportleistung, dann schrumpft Europas Bedeutung eigentlich. Um dem etwas entgegenzusetzen ist die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Deutschland enorm wichtig. Die Zahlen sprechen für sich, sowohl bilateral als auch regional: In diesem Jahr wird das bilaterale Handelsvolumen 50 Milliarden Euro übersteigen.

Nur ein Beispiel: vor kurzem waren wir in einem bislang noch nicht unbedingt erfolgreichen Wettbewerb um den Status als Partnerland der CeBIT in Hannover. Unser Mitwettbewerber: Indien. Ich wurde oft angesprochen: „Wie kommt Ungarn dazu, so blind zu sein, ausgerechnet mit Indien in so einen Wettstreit zu treten?” Ich habe den Leuten gesagt: „Ja, Ungarn ist ein Land mit nur 10 Millionen Einwohnern, Indien hat mehr als 1,3 Milliarden, aber wenn Sie sich z.B. das Handelsvolumen ansehen, dann liegt der Warenverkehr zwischen Deutschland und Ungarn um das Zweieinhalbfache über dem von Deutschland und Indien. Oder nehmen Sie alle vier Visegrád-Länder, was in der Größenordnung, was die Bevölkerungszahl anbelangt, praktisch Frankreich entspricht, wir haben 64, Frankreich 66 Millionen Einwohner. Das Handelsvolumen zwischen Deutschland und den Visegrád-Ländern liegt um 55 Prozent über dem zwischen Deutschland und Frankreich und 50 Prozent über dem zwischen Deutschland und China. Mit einer sehr gesunden Struktur.“

Auch das kennzeichnet die Qualität, wichtig ist also nicht nur Quantität, sondern auch Qualität. Dazu kommen Bereiche wie z.B. der Nachwuchs auf dem Arbeitsmarkt. Wir haben in Ungarn das deutsche System der dualen Ausbildung übernommen und weiterkultiviert. Das wollen wir weiterentwickeln, damit auf allen Ebenen des Ausbildungsprozesses immer eine Synthese zwischen der akademischen Welt und der beruflichen Welt entsteht, diese Wechselmöglichkeiten immer gewährleistet bleiben. Jetzt kommt noch eine neue Dimension hinzu: die Digitalisierung der Gesellschaft und der Wirtschaft, wo wir sicherlich sehr davon abhängig sind, wie wir das bilateral gestalten. Was den Ausbau der Infrastruktur anbelangt, sind wir keineswegs in einer schlechten Position, hier wird auch in den nächsten Jahren enorm viel geschehen. Sicherlich ist eine Frage, welche Wirtschaftspolitik die zukünftige Bundesregierung verfolgen wird. Hier sind wir momentan im Listening Mode, im Hörmodus, und wir werden das sehr intensiv verfolgen. Aber ich gehe weiterhin davon aus, dass die Wettbewerbsfähigkeit Europas in sehr großem Maße davon abhängt, wie dieser deutsche Zug fährt, ob er im globalen Wettbewerb mithalten kann. Die großen Zahlen und der Inhalt sind momentan vielversprechend, aber es hängt mit Sicherheit viel davon ab, was für eine Wirtschaftspolitik die zukünftige Regierung fährt.

– Auch die bilateralen Kulturbeziehungen können als intensiv bezeichnet werden. Was meinen Sie, interessieren sich auch die deutschen Jugendlichen für Ungarn, oder geht es hier eher um DDR-Nostalgie?

– Nostalgie ist da. Nicht nur in Ostdeutschland, auch in Westdeutschland. „Ich denke oft an Piroschka”, der Kultfilm aus der 50iger Jahren, ist in Westdeutschland noch sehr präsent und diese Nostalgie ist auch in der ehemaligen DDR sehr stark präsent. Übrigens sind die in Deutschland lebenden Ungarn nicht nur Kriegsvertriebene und Flüchtlinge infolge der Niederschlagung der Revolution 1956, sondern auch sehr viele, die in der ehemaligen DDR als Vertragsarbeiter tätig waren. Ich war gerade erst in Chemnitz, dort wurde ihnen eine Gedenktafel gewidmet, es sind weit mehr als vier- oder fünftausend. Sie haben hier Familien gegründet und versucht, ihre ungarischen Wurzeln nicht zu vergessen oder aufzugeben. Von daher kann ich nur empfehlen, auch die irgendwie auf dem Schirm zu haben.

Die beste Werbung für Ungarn ist immer noch, wenn ein Deutscher Ungarn besucht. Denn wenn man sich sein Ungarnbild auf der Grundlage der Berichterstattung in den deutschen Medien macht, geht das in eine sehr realitätsferne Richtung. Bleiben wir dabei, um zu vermeiden, dass man unhöflich mit den deutschen Medien ist. Aber Ungarn muss sein spannendes Bild, seine kulturelle Vielfalt zeigen können. Und dann kommt es sicherlich zu politischen oder sogar ideologischen Diskussionen.

In Deutschland wird es immer mit großer Überraschung aufgenommen, wenn ich sage, Ungarn ist kein homogener Nationalstaat. Dass wir in Ungarn 13 nationale und ethnische Minderheiten haben. In Deutschland gibt es nur vier. Schauen wir auf das kulturelle religiöse Leben in Budapest oder in Pécs, nehmen wir den Eingang des Pécser Rathauses: dort hängt ein mehrsprachiges Schild mit der Aufschrift: „Das ist das Rathaus”, weil dort so viele Minderheiten leben. Und dazu gehört auch eine kulturelle Vielfalt. Diese Vielfalt ist in diesen schwierigen Zeiten ein bisschen Opfer einer anderen politischen und gesellschaftlichen Diskussion im Zusammenhang mit der Migration geworden. Ich hoffe sehr, dass das dadurch belastete Ungarnbild auch über die Kultur schrittweise korrigiert werden kann. Alle sind herzlichst eingeladen, die offizielle Politik hierbei zu unterstützen.

Ich gehe aber davon aus, dass Ungarn für die Deutschen weiterhin ein interessantes, spannendes Land bleibt. Denn auch diejenigen, die uns kritisch sehen, beweisen eigentlich ein Interesse an Ungarn, indem sie sich so intensiv mit uns beschäftigen. Ich sehe darin also viel eher die Chance als das Problem. Wobei das ganze sicherlich auch zu Problemen führt, das braucht man überhaupt nicht zu verschweigen. Es besteht weiterhin die Gefahr, dass durch Missverständnisse und unterschiedliche Positionen in der Migrationsfrage das Ungarnbild vieler Deutscher langfristig beschädigt bleibt. Darüber muss man reden, und Kultur ist sicherlich einer der besten Kanäle.

– Was ist Ihre Botschaft für alle, die planen, von Ungarn nach Deutschland zu gehen, um hier zu studieren bzw. arbeiten?

– Beide Länder sind Mitglieder in der EU, das heißt, die Möglichkeiten, Arbeit zu finden oder ein Studium zu absolvieren sind da, genau wie zwischen Ungarn und Österreich oder Ungarn und den Benelux-Ländern. Nicht länger zwischen Ungarn und Großbritannien, weil dort gerade Abschiedsgeschichte geschrieben wird. Trotz der Dominanz der englischen Sprache ist aus meiner Sicht die Kenntnis der deutschen Sprache wichtig. Die deutsche Arbeitskultur, die deutsche Ingenieurkunst sind, so sehe ich es, auch etwas wichtiges und besonderes, wenn man z.B. darüber nachdenkt, wie man selbst profitiert, oder die eigene Familie und auch die Heimat. Übrigens, wie interessant die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland sind: nach den Bundestagswahlen ist hier plötzlich das Thema Heimat ein sehr wichtiges Thema geworden. Wenn also jemand plant, in Deutschland tätig zu sein oder in Deutschland zu studieren, dann ist das aus meiner Sicht eine Win-Win-Geschichte für beide Seiten.

– Und was ist Ihre Botschaft für alle, die von Deutschland nach Ungarn gezogen sind?

– Die, mit denen ich rede, sind äußerst zufrieden. Sie genießen das Leben in Ungarn. Wenn man mit Spitzenmanagern, Studenten oder einfachen Beschäftigten spricht, seien sie aus Győr, Kecskemét, Budapest oder Miskolc, sind alle höchst zufrieden. Sie haben ein viel korrekteres Bild von Ungarn als die, die nur deutsche Zeitungen lesen oder deutsches Fernsehen sehen. Ich denke, sie sind wichtige Kulturbotschafter. Aber das befreit uns nicht von der Verantwortung, auch unsererseits alles zu tun, dass sich dieses Bild in Richtung positiv wandelt.

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Fotos: Friends of Hungary