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Viktor Orbán: „Wir leben noch in dem Europa, das auf dem Erbe der jüdischen und der christlichen Religion ruht“

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán hob anlässlich der Einweihung der Synagoge in Szabadka (Subotica) am 26. März 2018 in seiner Rede hervor, dass es moralische Pflicht sei, „uns für ein Ungarn und für ein Europa einzusetzen, in dem Juden und Christen ohne Furcht leben und ihre Religion frei praktizieren können.“ Hierbei Viktor Orbáns vollständige Rede, die auf der offiziellen Webseite des ungarischen Ministerpräsidenten veröffentlicht wurde:

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán (l.) und der serbische Ministerpräsident Aleksandar Vučić (r.) in der renovierten Synagoge in Szabadka (Foto: Szilárd Koszticsák – MTI)

„Sehr geehrter Herr Präsident Vučić! Exzellenzen! Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Als ich mich hier umgeblickt habe, ist mir eingefallen, wahrlich was für ein schöner Ort Mitteleuropa ist. Dieser sonderbare Winkel der Welt, wo es eine ganz natürliche Sache ist, dass Motive der ungarischen Volkskunst eine Synagoge schmücken, und dies ist ebenso selbstverständlich, wie dass die ungarische Nationalhymne ihrer Gattung nach eine Jeremiade ist. Diese kulturelle Vielfarbigkeit hat nichts mit dem oberflächlichen Multikulturalismus zu tun. Hier haben Jahrhunderte die hier zusammenlebenden Völker zusammengeschliffen, so wie dies auch unsere Lieder, Balladen und Gebäude widerspiegeln. Eines der populären Lieder meiner Zeit als Student war das Lied mit dem Titel „Der Hahn kräht schon“. Man sagte, dies sei das Lieblingslied des Wunderrabbiners von Nagykálló gewesen, andere hielten es für das Lied des Fürsten von Siebenbürgen, Gábor Bethlen, wiederum andere hörten die slawische Melodienwelt aus ihm heraus. Heute wird man wohl kaum mehr genau erforschen können, aus wie vielen Quellen es sich speiste und wie viele Völker es gesungen haben, bis es zum gemeinsamen Lied der mitteleuropäischen jüdischen Gemeinde wurde. Für uns, die Studenten der achtziger Jahre, war gar nicht die Herkunft des Liedes wichtig. Wir hatten es damals aus dem Grunde gesungen, weil wir darauf warteten, dass nach der kommunistischen Diktatur für uns eine freie Welt anbrechen sollte, in der die Völker Mitteleuropas erneut im Frieden und frei würden zusammenleben können.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Es besteht die Hoffnung, dass der 26. März 2018 Eingang unter jene herausragenden Tage finden wird, an denen Mitteleuropa der Welt sein schönstes Gesicht zeigt. Was geschieht hier eigentlich? Der Präsident Serbiens und der Ministerpräsident Ungarns sind gemeinsam mit den verehrten jüdischen geistlichen Führern nach Szabadka gekommen, um die zweitgrößte, umfassend renovierte Synagoge Europas, unser gemeinsames kulturelles Erbe, ein jüdisches Sakralgebäude einzigartigen Stils, das Juwel von Szabadka, eine herausragende Schöpfung der mitteleuropäischen Architektur des Jugendstils einzuweihen. Das Wort „Synagoge“ bedeutet soviel Haus der Versammlung: Heute sind auch wir im Zeichen dessen hier. Wir haben uns versammelt, weil es gelungen ist, diesem herrlichen Gebäude seinen alten Glanz wiederzugeben. Wir haben uns versammelt, denn uns verbindet der Respekt für die jüdische Kultur und das jüdische Volk, das in einer seine eigene Anzahl übersteigenden Weise zu den wirtschaftlichen, kulturellen und wissenschaftlichen Ergebnissen Serbiens, Ungarns und ganz Europas beigetragen hat. Und schließlich sind wir zusammengekommen, um einer mutigen und zusammenhaltenden Gemeinschaft unseren Respekt zu zollen. Einer Versammlung, deren Mitglieder dieses Gebäude nicht nur für sich errichtet haben, sondern auch, damit es, wie das der damalige Oberrabbiner ausdrückte, „ein wertvolles und schmückendes Andenken der Stadt sei”. Sie haben ein derart starkes und festes Fundament niedergelegt, dank dessen Ihre Synagoge die stürmischsten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts und dann auch den völligen Funktionsverlust überstehen konnte. Und als dann in der Zeit des Kommunismus es schon um das Erhaltenbleiben des Gebäudes ging, setzte sich das multinationale und multikonfessionelle Bürgertum der Stadt in Eintracht für seine Erhaltung ein. Die Rettung und die Renovierung der Synagoge von Szabadka versinnbildlicht gut, wozu Serben, Juden und Ungarn fähig sind, wenn sie im Interesse eines edlen Zieles zusammenarbeiten. Wie es auch versinnbildlicht, dass wir heute hier in Mitteleuropa in Zeiten leben, in denen die Vergangenheit die Gegenwart nicht belastet, sondern einer gemeinsamen Zukunft ein Tor öffnet. Jener Zukunft, in der Ungarn, Serben und Juden in Frieden und Sicherheit zusammenleben und -arbeiten. Dank gebührt deshalb Serbien, Dank gebührt Herrn Präsidenten Vučić, und Dank gebührt den Ungarn der Wojwodina!

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Diese Zukunft hat bereits begonnen. Sie wird von den Serben und Ungarn gemeinsam in Szabadka und zusammen mit den anderen Völkern in ganz Mitteleuropa geschrieben. Die Einweihung der Synagoge in Szabadka ist heute nicht nur ein besonderes Ereignis, sondern auch eine Botschaft. Unsere Botschaft lautet, dass dies jene Welt ist, dass jenes Europa so ist, in dem wir leben möchten, das wir vertreten, für das wir arbeiten, und das wir auch verteidigen werden. Warum ist das so, meine sehr geehrten Damen und Herren, dass am heutigen Tag Katholiken, Orthodoxe und Protestanten in Frieden und Sicherheit gemeinsam mit unseren jüdischen Brüdern die Wiedergeburt dieses Gebäudes feiern können? Hierfür gibt es einen einzigen offensichtlichen Grund. Wir leben noch in dem Europa, das auf dem Erbe des Alten und des Neuen Testaments, der jüdischen und der christlichen Religion ruht. Und solange wir auf dieser Grundlage stehen, bleibt die Freiheit eines jeden Menschen, sein Recht auf seine eigene Religion, seine Sprache, seine Kultur, seine Sitten so natürlich wie das Atmen.

Sehr geehrte Gemeinde!

Wenn wir es zulassen, dass man uns den Boden unter den Beinen wegzieht, wenn wir es zulassen, dass der kulturelle Unterboden Europas ausgetauscht wird, dann werden die Zukunft an unserer Stelle andere schreiben. Wir wissen, es gibt zahlreiche Teile der Welt, wo solch ein Ereignis nicht geschehen könnte. Wir wissen, dass es derartige Winkel der Welt südlich und östlich von uns gibt, wo unsere jüdischen und christlichen Brüder auch heute noch unter der Verfolgung leiden. Und wir wissen, dass es im Westen Winkel der Welt gibt, in denen Kirchen und Synagogen heute nicht renoviert, sondern abgebaut werden. Wir jedoch sind stolz auf jenes religiöse Erbe, dem wir diese Stadt und auch jene großartige Schöpfung zu verdanken haben, die wir Europa nennen. Aus diesem Grunde hatte die ungarische Regierung im Jahre 2014, dem Gedenkjahr des Holocaust, beschlossen, ein Programm zur Wiederherrichtung von Synagogen zu starten, in dessen Rahmen wir in den vergangenen Jahren aus etwa 10 Milliarden Forint von Budapest über Nagyszőlős bis Beregszász und Szabadka zahlreiche Gebäude renoviert haben und halfen, sie vor dem Untergang zu retten. Nach dem Zweiten Weltkrieg und den diesem folgenden Jahren der atheistischen Diktatur verspüren wir es als unsere moralische Pflicht, uns für ein Ungarn und für ein Europa einzusetzen, in dem Juden und Christen ohne Furcht leben und ihre Religion frei praktizieren können.

Meine sehr geehrten Damen und Herren! Sehr geehrter Herr Präsident!

Wir sind der Ansicht, dass zu einer sicheren und lebenswerten Zukunft Mitteleuropas und in ihm der Ungarn heute ein einziger Weg führt: Das an seinem jüdischen und christlichen Erbe festhaltende Europa. Wir können uns unsere Zukunft in diesem Europa vorstellen, und natürlich gehört auch das über orthodoxe Wurzeln verfügende Serbien, auf dessen Mitgliedschaft wir in der Europäischen Union auch drängen, auch zu diesem Europa und zu dieser Zukunft. Die Serben müssten schon längst dort unter uns sein. Dazu wünsche ich Serbien und unserem Freund, Herrn Präsidenten Vučić, viel Erfolg! Der Stadt Szabadka und der jüdischen Gemeinde von Szabadka wünsche ich, dass sie dieses herrliche Gebäude mit Leben füllen, damit es noch über viele hundert Jahre hinweg ein Haus der Versammlung, des Gebets, der Lehre und der Erinnerung sei! Gott sei mit Ihnen allen!“

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via miniszterelnok.hu, Foto: Szilárd Koszticsák – MTI