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„Ich spüre die Verantwortung, den guten Ruf Ungarns im Ausland zu verbessern“ – Interview mit Besitzerin des „Wiener Christmas Salons“

Es gibt einen Ort in Wien, wo das ganze Jahr über Weihnachtsatmosphäre herrscht. Der Wiener Christmas Salon, der 2016 seine Türen öffnete und im vergangenen Jahr sogar den „Best Business Award“ gewann, hat auch einen ungarischen Aspekt: die Besitzerin selbst ist eine Ungarin. Anita Gosztola ist aber nicht nur im geschäftlichen Leben aktiv, sondern auch in unterschiedlichen ungarischen Gemeinschaften und nicht nur in Österreich! Sie ist auch Mitglied der Budapester Stiftung „Freunde von Ungarn“, die unser Nachrichtenportal herausgibt. Wir haben Anita unter anderem über Weihnachten in Wien, über ihre Ausstellung von Kaiserin Elisabeth, Sisi, befragt, sowie über ihre persönliche Geschichte, wie sie den Salon in Wien eröffnet hat, gesprochen. Das Interview wurde von Dániel A. Vargha geführt.

Der Anfang…

„Kann ich in Wien eine Konditorei eröffnen?“ – lautete damals die Kampagnenfrage, bevor wir der EU beigetreten sind. Du hast losgelegt, aber nicht mit einer Konditorei. Warum hast du dich für etwas ganz anderes entschieden?

Ich habe den ersten ganzjährigen Weihnachtssalon Wiens, den Wiener Christmas Salon im ersten Bezirk am schönen Franziskanerplatz eröffnet. Auf den ersten Blick könnte ich sagen, dass ich auf ein Gefühl gehört habe, das aus der Tiefe meiner Seele kam, und ich folgte diesem Gefühl. An zweiter Stelle liebe ich Weihnachten und das Gefühl, das es mit sich bringt, seit meiner Kindheit. Mit dem Wiener Christmas Salon wollte ich dieses Gefühl mit all der Schönheit und der Botschaft von Weihnachten vermitteln. Später hat sich herausgestellt, dass die Eröffnung eines solchen Salons nötiger war denn je. Ein Symbol für Glaube, Hoffnung, Frieden und Liebe. Die spirituelle Bedeutung von Weihnachten, das Kommen und der Triumph des Lichts über die Dunkelheit. Deshalb ist für mich das ganze Jahr über Weihnachten!

Zurück zur Kampagnenfrage, es wurde suggeriert, dass es allen Ungarn leicht sein wird, sogar in Wien ein Geschäft zu eröffnen, wenn das Land der EU beitritt. War es wirklich einfach?

Für mich war es einfach. Überall, wo ich hinkam, habe ich Hilfe bekommen. Ich brauchte nicht mal 2 Wochen um loslegen zu können und ich konnte schon mit meiner Steuernummer Waren bestellen. Was die Räumlichkeiten anbelangt, hatte ich auch Glück, denn es gab keine Ablöse, und mein Antrag wurde von den Eigentümern als durchführbar angesehen. Innerhalb von 1,5 Monaten nach Einreichung des Antrags wusste ich schon, dass ich das Unternehmen besaß.

Weihnachtswunderwelt in Wien – von einer Ungarin geträumt
Weihnachtswunderwelt in Wien – von einer Ungarin geträumt

Mehr als ein Geschäft, das im ganzen Jahr die Stimmung von Weihnachten bietet. Es trägt das wichtigste Symbol des Weihnachtsfestes durch das ganze Jahr in sich: die Liebe. Ein idealer Ort für Weihnachtsevents für Familien, Freunde oder Firmen. Das ist der Wiener Christmas Salon. Einzigartig – und nicht nur in Wien. Das Konzept ist von […]Continue reading

War das österreichische Umfeld für dich völlig fremd?

Ja! Vor allem aus geschäftlicher Sicht. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal ein Geschäft in Wien besitzen würde. Früher habe ich als Tourismusexpertin Programme für Touristen in Wien organisiert und bin auch manchmal als Privatperson nach Wien gefahren.

Welche Erfahrungen hattest du? Konntest du dich leicht anpassen?

Österreich hat mich leicht aufgenommen, aber ich, die Vorbehalte gegen sich selbst hatte, fühlte mich unzulänglich. Doch als die Erfolge und positiven Feed-backs kamen, habe ich schon zweifellos glauben können, dass ich in dem was ich tue wirklich gut bin.

In Wien leben Zehntausende von Ungarn, und viele unter ihnen sind Mitglieder in unterschiedlichen ungarischen Organisationen, die das Ziel verfolgen, zusammenzukommen. Warum ist es notwendig, nur wenige Kilometer von der ungarischen Grenze, größere ungarische Gemeinden zu schaffen?

Die ungarischen Gemeinschaften sind bestrebt, sowohl die ungarische Kultur als auch die Geschäftsbeziehungen zu fördern. Diejenigen, die schon länger hier leben, 50 Jahre oder sogar mehr, haben mehr Erfahrung. Sie können uns bei der Integration viel helfen. Diese Leute bilden eine sichere Basis, an die man sich jeder Zeit wenden kann. Obwohl Wien nicht weit von zu Hause entfernt ist, leben wir hier unser tägliches Leben in einer anderen, aber sehr ähnlichen Kultur. Hier können wir Erfahrungen austauschen und unsere ungarischen Feiertage gemeinsam in würdiger Form begehen.

Eine ähnliche Organisation ist die Budapester Stiftung „Freunde von Ungarn“, die genau umgekehrt funktioniert, da sie von Ungarn aus versucht, die in der Diaspora lebenden Ungarn zusammenzubringen. Du bist ein aktives Mitglied der Stiftung, warum bist du der Organisation beigetreten?

Ich fühle mich geehrt, Teil dieser Gemeinschaft zu sein. Es ist für mich immer eine große Freude zu sehen, wie erfolgreiche Menschen aus Ungarn ihr ungarisches Erbe erleben, pflegen und weitergeben.

Für mich bedeutet die Mitgliedschaft in der Gemeinschaft ein gutes Beispiel zu sein und ich spüre die Verantwortung, dass wir im Ausland mit unseren Erfolgen und Werten den guten Ruf Ungarns verbessern können.

Wir haben uns bereits bei mehreren Veranstaltungen in Wien/Österreich getroffen. Die meisten von denen waren kulturelle Programme. Ist es leicht solche Veranstaltungen in Wien zu finden?

Ja! Alle Verbände und Programmveranstalter bemühen sich ihre Programme zu bewerben. Diese Gemeinschaften sind dauerhaft und da, wo wir gerne hingehen, nehmen wir auch gerne als Teilnehmer an ihren Veranstaltungen teil. Man könnte sagen, dass sich gute Programme „von Mund zu Mund“ unter den in Wien lebenden Ungarn schnell  verbreiten.

Wiener Christmas Salon

Die Geschichte des Wiener Christmas Salons begann im Jahr 2016. Bei der Eröffnungsfeier war der echte Weihnachtsmann Joulupukki aus Finnland auch dabei. War es schwierig, ihn zu überzeugen, zur Eröffnung zu kommen?

Es war mir eine große Freude, ihn hier bei uns begrüßen zu können. Für viele von uns, die bei der Eröffnung anwesend waren, ist ein echter Traum wahr geworden. Es war nicht schwer, ihn zu überzeugen zu unserer Eröffnungsfeier zu kommen. Als ich ihn im April 2016 zum ersten Mal besucht habe, konnte ich noch nichts konkretes über den Salon sagen. Zu diesem Zeitpunkt war es nur ein Plan. Trotzdem habe ich ihn gefragt, ob es in Ordnung wäre, wenn ich ihn im September einladen würde, um am 21. Oktober an der Veranstaltung teilzunehmen? Er hat ohne Zögern ja gesagt und hat sein Wort eingehalten. Er hat uns besucht und begrüßte alle freundlich. Wir konnten sogar Fotos mit ihm machen. Da er mehrere Sprachen spricht, hatte er keine Probleme damit, auf Deutsch zu reden.

Die meisten von uns haben einen solchen Weihnachtssalon zum ersten Mal wahrscheinlich im US-amerikanischen Film „Home Alone“ gesehen. Hat das Weihnachtshaus von „Herrn Duncan“ bei der Verwirklichung deiner Idee eine Rolle gespielt? Welche Eindrücke, Erinnerungen und Erfahrungen haben dich motiviert?

Ich bin mit meinem Dekorateur, mit dem ich seit fast 25 Jahren zusammenarbeite, ganz meiner inneren geistigen Welt gefolgt. Ich bin sehr kreativ, und wenn ich mir etwas vorstelle, verwirkliche ich es in den meisten Fällen. Ich wollte einen solchen Ort schaffen, der meine innere Welt, meine Gefühle widerspiegelt. Ein Ort der zeigt, was genau Weihnachten für mich bedeutet.

Der Wiener Christmas Salon ist nicht nur ein Geschäft, sondern auch ein Veranstaltungs- und Ausstellungssaal. In der unteren Etage findet man eine Menge wertvoller, musealer und einzigartiger Dekorationen sowie eine Ausstellung über die Geschichte der Weihnacht. Wurdest du schon mal gebeten, Exponate für einen Filmdreh oder Werbedreh auszuleihen? 

Ja. Seit letztem Jahr haben wir viele Shootings gemacht, aufgrund der Schönheit und Einzigartigkeit des Geschäftes. Die Künstlerinnen der Volksoper, Monika Ballwein, Eva Poleschinski, A1 Telekom haben heuer ihre Weihnachtsspots hier gedreht, und auch die Sponsoren des Hofburg Kinderballs drehen hier ihre Willkommensvideos und -Fotos. Aber meine größte Freude ist, Anna Netrebko, die weltberühmte Opernsängerin, unter meinen Kunden zu haben. Dieses Jahr haben wir sogar Weihnachtsdekorationen unter anderem für A1 Telkom, Nestlé und Nespresso angefertigt.

Hast du vielleicht ein Lieblingsstück aus deiner Kollektion?

Ja, ich habe ein Lieblingsstück, und zwar einen echten Weihnachtsmannschlitten, der 200 kg wiegt. Es ist natürlich nicht so einfach, aus so vielen schönen Stücken eine Auswahl zu treffen. Er wird von Rentieren gezogen und interessanterweise kam es aus Budapest, von einer Familie, die ebenfalls Weihnachten liebt.

Außerdem gibt es eine Ausstellung mit den Titeln „Sisis Kleider und Weihnachten“ sowie „Sisi und die Hungarica“. Es ist bekannt, dass die Kaiserin Weihnachten gerne in der ungarischen Stadt Gödöllő, in ihrer Residenz verbrachte, was mit ihrem Geburtstag zusammenfiel. Wie spiegelt sich diese ungarische Abstammung in der Ausstellung wider?

Ich recherchiere schon seit langem über die wahre Geschichte von Weihnachten. Ich habe mich schon immer für Traditionen und besondere Stücke interessiert. Auch Sisi ist Teil der Weihnachtsgeschichte, da sie immer noch viel Aufmerksamkeit erregt. Ich habe die Kleidungsstücke (von Mónika Czeglédy) für die Ausstellung in Gödöllő, Ungarn, gefunden.

Diese Stücke werden ein Teil der Sisi-Kostümausstellung in Halbturn im nächsten Jahr sein. Ich freue mich besonders, dass wir die ersten waren, die ein paar davon der Öffentlichkeit präsentieren konnten

Man findet weiterhin 3 verschiedene „Zsolnay Sisi Sets“: Mokka, Teeservice und ein komplettes Tafelservice. (Zsolnay Porzellanmanufaktur AG ist ein Porzellan- und Majolika-Hersteller in Ungarn. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Porzellanfabrik Zsolnay ein Symbol der Stadt Pécs und Ungarns.- An. der Red.) Außerdem wird ein Video-Imagefilm über die Hungarika gezeigt und das Hungarikum-Buch vorgestellt. Die Präsentation wird vom Wiener Christmas Salon veranstaltet. Es gab auch eine Buchpräsentation vom Buch „Königin Elisabeth und die Ungarn“. Diese Ausgabe von Barbara Káli-Rozmis war in Ungarn ein großer Erfolg, das Buch wurde von dem Verlag Helikon herausgegeben.

Im Februar dieses Jahres haben wir außerdem den Österreichisch-Ungarischen Kulturverein zur Erhaltung festlicher Traditionen und eine in Wien ansässige Wertsicherungsagentur gegründet, die für die Präsentation ungarischer Hungarika in Österreich und für die Suche nach weiteren Hungarika in den österreichischen Bundesländern zuständig ist.

Letztes Jahr erhielt der Salon eine sehr prestigeträchtige Auszeichnung, den „Best Business Award“. Warst du überrascht?

Ja, ich war sehr überrascht, aber ich war auch sehr glücklich, denn das ist eine sehr schöne Anerkennung für all die Arbeit, die wir seit fünf Jahren leisten.

Der Wiener Christmas Salon musste in den letzten, fast 2 Jahren der Epidemie mehrere Lockdowns über sich ergehen lassen. Wie stark haben sich die Corona-Maßnahmen auf das Geschäft ausgewirkt?

Wir haben die Maßnahmen leider sehr gespürt. Tatsächlich wurde das Haus in den letzten 2 Jahren auf Initiative der Eigentümer ständig renoviert, so dass wir fast 1,5 Jahre lang außerhalb des Lockdowns gesperrt waren.

Wie erlebst du als eine Ungarin den aktuellen Lockdown? In Österreich waren selbst geimpfte Menschen wochenlang eingeschränkt, während es in Ungarn praktisch keine Einschränkungen gibt. Kehrst du manchmal nach Hause zurück, um dich kulturell oder gastronomisch zu entspannen?

Nur deswegen fahre ich nicht nach Hause, aber ich besuche meine Familie regelmäßig, und wenn eine Geschäftsreise ansteht, muss ich natürlich zu Hause sein. Ich komme aus Celldömölk. Die Stadt liegt nicht weit von der Grenze weg.

Für dich ist das ganze Jahr über Weihnachten, denn der Salon ist das ganze Jahr geöffnet. Hast du am 24. Dezember noch nicht genug von der Weihnachtsstimmung? Kann man den Zauber von Weihnachten noch erleben, obwohl man das ganze Jahr über in dieser Welt lebt?

Ich kann davon nicht satt werden. Es ist eine große Freude, wenn ich die Begeisterung und Fröhlichkeit meiner Gäste sehe. Mit diesem täglichen Erlebnis ist die Feier für mich eine „Doppelfeier“ und das gibt mir sehr viel Energie.

Wo verbringst du die Feiertage? In Österreich oder in Ungarn?

Bislang habe ich die Feiertage mit meiner Familie in Ungarn verbracht. Ich habe 3 Patenkinder, und das Fest ist mit ihnen komplett. Dieses Jahr werde ich jedoch am Heiligen Abend in Wien sein und erst am 25. fahre ich wieder nach Hause.

Was glaubst du, wie unterscheidet sich Weihnachten in den beiden Ländern?

Die Österreicher sind mehr an Traditionen gebunden, während die Ungarn zwar auch die Traditionen bewahren, aber offen gegenüber Neues sind, auch gegenüber dem amerikanischen Weihnachtsgefühl.

(Dániel A. Vargha, Fotos: von Anita Gosztola/Jennifer Kaiser)