news letter

Wöchentliche Newsletter

Journalistische Fragen lösen diplomatische Debatte aus

Ungarn Heute 2021.04.09.

Das ungarische Staatsfernsehen M1 hat ein 3 minütiges Material in seiner Hauptnachrichtensendung am Mittwochabend über eine österreichische Journalistin ausgestrahlt. Franziska Tschinderle vom Wochenmagazin „Profil“ habe EU-Abgeordnete der ungarischen Regierungspartei Fidesz „mit Fragen provoziert“, hieß es. M1 zitierte auch „Experten“, „nach denen das Ziel das sei, bereits im Voraus das sich formierende starke europäische christdemokratische Bündnis zu attackieren“. Der Fall wurde zu einem diplomatischen Streit, und sogar der ungarische Außenminister äußerte sich zum Thema. 

Franziska Tschinderle vom Wochenmagazin „Profil“ habe EU-Abgeordnete der ungarischen Regierungspartei Fidesz „mit Fragen provoziert“ berichtete das ungarische Staatsfernsehen. Sie sagten, die österreichische Journalistin formulierte „als Fragen getarnte Kritiken erst eine Woche nach dem Treffen von Premierminister Orbán mit dem italienischen Lega-Politiker Salvini und dem polnischen Ministerpräsidenten Morawieczki“.

Unter den Fragen stand beispielsweise, warum Vertreter des französischen Rassemblement National (RN) und der österreichischen FPÖ (beide sitzen mit der Lega in der rechtspopulistischen ID-Fraktion des Europaparlaments) beim Treffen nicht anwesend waren. Der Moderator kommentierte das mit den Worten: „Solche Fragen stellen nur Amateurjournalisten.“ Demnach ist das Ziel klar, so M1: Die Journalistin wollte das neue Bündnis auf die gleiche Plattform setzen, wo eben diese Parteien stehen, da sie laut M1 „in den europäischen Mainstream-Medien als Extremisten“ gelten. In einer anderen Frage schrieb die Österreicherin:

„Euroskeptische Parteien sind bereits in der Vergangenheit gescheitert, z.B. wegen der antisemitischen Vorwürfe gegen sie. Wie wollen Sie einen möglichen Zerfall vermeiden?“

Die Fidesz-Fraktion reagierte nur kurz auf die Fragen und schrieb in einer Mitteilung, sie wolle sich mit diesen „Fragen“ nicht befassen, weil es sich in Wirklichkeit gar nicht um Fragen handele.

Ungarns Außenminister Péter Szijjártó und die FPÖ kritisierten die Aufregung

Péter Szijjártó schrieb in einem Facebook-Post: „Die Heuchelei um Presse- und Meinungsfreiheit wurde enthüllt“. Der Minister fügte hinzu, „der kritische Kommentar von M1 zur Journalistin habe in Österreich für Aufruhr gesorgt.“ Er warf Tschinderle auf Facebook vor, „Fake News über ein Land“ zu verbreiten. Er stellte Parallelen zu der kürzlich erfolgten Entlassung des ungarischen Torwarttrainers von der deutschen Fußballmannschaft her.

FPÖ-Mediensprecher Christian Hafenecker schrieb über „willkürliches Ungarn-Bashing“ und nannte den Fall „zutiefst heuchlerisch“. Er betonte zugleich, dass sich Medien viel mehr damit beschäftigen sollten, dass in Österreich „die schwarz-grüne Regierung versucht, sich gefällige Berichterstattung durch sündteure Inserate und frei Hand vergebene Corona-Hilfspakete zu sichern und damit Medien gleichzuschalten“.

Das Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten twitterte: 

„Kritische Fragen zu stellen, ist Kernaufgabe von Medien. Der Umgang durch #M1 mit @tschinderle ist daher unvertretbar.“ Er selbst habe sofort mit dem ungarischen Außenminister Péter Szijjártó telefoniert. Auch der österreichische Botschafter in Budapest, Alexander Grubmayr, werde „diese Position in aller Deutlichkeit darlegen“.

Auch Tschinderle reagierte auf Twitter, sie schrieb:

„Hier geht es nicht um uns. Hier geht es um unsere Kollegen in Budapest und dem Rest Ungarns, die sich jeden Tag und jede Woche damit auseinandersetzen müssen. Sie verdienen Solidarität“, erklärt Tschinderle. „Wir werden nicht aufhören, über den Niedergang der Demokratie in unserem Nachbarland zu berichten.“

(Via: mediaklikk, 24.hu, derstandard.at, Titelbild: MTI – Szilárd Koszticsák)