news letter Our mobile application

Wöchentliche Newsletter

„Die Ostdeutschen wurden der Erbe ihrer Vorfahren beraubt und es wurde ihnen eine fremde Ideologie aufgezwungen. Viele hatten genug davon”

Zsófia Nagy-Vargha 2019.08.14.

Zehntausende Ostdeutschen kamen im Sommer 1989 nach Ungarn, weil sich das Gerücht verbreitete: die österreichisch-ungarische Grenze werde für einige Stunden geöffnet. Sie lagerten hier in Ungarn für lange Wochen, um dann wieder in den westlichen Teil ihrer Heimat zu gelangen. Sie brauchten nicht nur Unterkunft, und etwas zum Essen, sondern auch ein paar gute Worte. Dabei halfen der gerade gegründete Ungarische Malteser Hilfsdienst und eine Pfarrgemeinde in Buda. Pater Imre Kozma, Vorsitzender des Dienstes erzählt uns über die Geschehnisse vor 30 Jahren. Interview.   

An einem früheren Jahrestag des Paneuropäischen Picknicks sind Sie mit einem 30-jährigen Trabant in Sopron eingetroffen. Die Polizei wollte Sie zuerst aus der Delegation, die aus westlichen Autos bestand, rausschmeißen. Später bewunderte sogar Angela Merkel das Auto. Haben Sie vor, in diesem Jahr auch mit Ihrem Trabant nach Sopron zu fahren?

(Lacht.) Ja, es ist so geplant…

Wie der Trabant für die Polizei, kann die Tatsache für die jungen Leute heute seltsam sein, dass der kürzeste Weg von Ostdeutschland nach Westdeutschland durch den Pfarrgarten von dem Budaer Zugliget führte. Warum gerade Zugliget? 

Vielleicht wurde Zugliget darum wichtig, weil die Gemeinde die Mut hatte, eine große Wahrheit auszudrücken, dass die Mission der Kirche nicht innerhalb der Mauern des Tempels liegt, sondern viel mehr außerhalb. Die Aktivität dieser Gemeinde war den Westdeutschen bereits bekannt. In Zugliget ist schon Mitte der achtziger Jahre das erste soziale Netzwerk eingerichtet worden, das auch sogar von Mitgliedern der Kommunistischen Partei begrüßt wurde. In der Zwischenzeit schrieb die Polizei die Nummernschilder Aller auf, die an der Messe teilnahmen, und ich wurde regelmäßig zur Geheimpolizei einberufen und befragt. Es war zu dieser Zeit sehr eigenartig, dass eine christliche Gemeinde bereit war, solche Risiken einzugehen. Daher ist es vielleicht kein Zufall, dass der westdeutsche Konsul am Abend des 13. August 1989, gerade mich in der Gemeinde kontaktierte und mich um Hilfe bat.

Brauchte man Mut auch „auf der anderen Seite”? Diejenige, die aus der DDR hierhergekommen sind, sind genauso sozialisiert worden, als wir: man konnte niemandem vertraut werden. Sind Sie auf dieses Misstrauen gestoßen?

Nachdem die Deutschen auf den Straßen von Budapest, und auch in unserer Gegend sowie im Park vor der Kirche auftauchten, erfuhren wir plötzlich, dass Hunderte von Menschen hier lagerten. Es gab damals ungefähr 30.000 Ostdeutsche in der Hauptstadt. Wir redeten natürlich diejenige an, die hier in dieser Gegend waren, aber zu dieser Zeit gab es weder ein Lager noch die Öffnung der Tempeltore im Plan. Bisher haben wir nur unsere Herzen geöffnet. Diejenige, die in der Straße lebten, waren auch sehr nett: sie ließen die DDR-Flüchtlinge in ihre Häuser ein, da konnten sie waschen und auch sich reinigen. Interessanterweise realisierten die Flüchtlinge erst, als wir das Tor des Lagers öffneten, dass sie möglicherweise auch Angst vor ihnen hätten haben können.

Lager in Budapest. Foto: befogadasnapja.maltai.hu

DDR -Flüchtlinge im Lager des Malteser Hilfedienstes. Foto: befogadasnapja.maltai.hu

Die meisten kamen nach Ungarn mit dem Plan, niemals in die DDR zurückzukehren. Aber sie hatten auch Angst davor, dass sie zurückgeführt werden könnten, wenn sie an einem Ort zusammenkommen. Vielleicht hatten sie deshalb Angst vor uns. Erstaunender ist, dass sie noch mehr Angst voreinander hatten.

Es gab vier Lager in Budapest. Insgesamt 48.600 Menschen besuchten diese, in drei Monaten. Die Tatsache, dass 7-800 Freiwillige pro Lager geholfen haben, bei uns vor allem die Mitglieder der Gemeinde, hat die Spannungen leider nicht gelindert. Nach ungefähr zwei Wochen begannen sich die Flüchtlinge aufzulösen, und dann konnten wir mit ihnen tiefere Gespräche führen. Zum Beispiel darüber, was ihre Pläne sind oder warum sie aus ihrem Heimatland flüchteten. Obwohl sie miteinander anscheinend nicht kommunizierten, sagten alle dasselbe, unabhängig voneinander: „Wir wurden der Erbe unserer Vorfahren beraubt.“ Was verstanden Sie unter Erbe? Diejenige „Schätze“, die die Denkweise der Menschen formulieren, gestalten. Das wurde von ihnen weggenommen, und man wollte ihnen eine fremde Ideologie aufzwingen. Viele hatten genug davon.

Aus diesem allmählichen „Auftauen” sind Beziehungen und Gespräche entstanden, an die Sie sich nach 30 Jahren noch genau erinnern? 

Alle Schicksale könnten in einem einzigen Satz zusammengefasst werden: „In diesen Menschen ist eine neue Hoffnung geboren.“ „Wir sind wiedergeboren” – so haben es Viele formuliert. Viele haben sich darüber Gedanken gemacht, was es bedeutet, von anderen akzeptiert zu sein, und in den schwierigen Zeiten Hilfe zu bekommen. Wir gaben ihnen nicht nur Zelte und Essen, sondern auch einen kleinen Einblick in die christliche Liebe. Während sie zu Hause viel besser lebten als wir, erlebten sie hier, dass die Menschen einander besser lieben können als sich selbst. Sie konnten hier erleben, dass man auf etwas verzichten kann, um einem Anderen zu helfen. Am Anfang halfen uns die westdeutschen „Malteser“, die Münchner und die Essener. Es kamen Delegierte aus beiden Orten. Eine der entscheidenden Erfahrungen für mich war, als der ostdeutsche Konsul einige Tage nach der Öffnung des Lagers bei mir erschien, und mich darum bat, die DDR-Flüchtlinge zu treffen. Natürlich war meine Antwort „Ja“. Er mag kommen, aber ich kann seine Sicherheit nicht garantieren. Die westdeutschen Delegierten mochten diese Idee gar nicht. In der Nacht vor dem Besuch ließ ich allen „Camper“ beeidigen, keine „Gräueltaten“ zu begehen. Am nächsten Tag standen die Ostdeutschen auf der einen Seite des Zauns, auf der anderen Seite der Konsul. Die Menge war wütend, aber diszipliniert. Ich bot dem Konsul einen Wohnwagen an, in dem jeder, der mit ihm sprechen wollte, ihn aufsuchen konnte. Niemand wollte ihn treffen.

Wollte die ungarische Politik Ihre Aktivitäten nicht kontrollieren? Miklós Németh war der Vorsitzende des Ministerrates, der das Lager regelmäßig besuchte. Hat er versucht, Ihnen Anweisungen zu geben?

Wir waren sehr froh, weil wir etwas tun konnten, was wir noch nie getan hatten: Wir durften vielen Menschen auf einmal helfen. Und das wurde von den Machthabern auch begrüßt. Für mich bestand der eigentliche Regimewechsel darin, dass die Macht unsere, aufgrund der christlichen Werte funktionierende Mission, nicht beeinträchtigen wollte. 

Haben Sie das zum ersten Mal gespürt? 

Ja, obwohl ich schon seit ein paar Jahren Priester war, das fühlte ich zum ersten Mal. Dass die Zeit für mich endlich gekommen ist. Deshalb bin ich Priester geworden, um Menschen zu helfen, die die Unterstützung einer anderen Person brauchen. Was ich damals erlebte, war einfach befreiend: dass die politische Macht uns nicht kontrollieren wollte, keine Erwartungen an uns hatte, einfach nur zur Kenntnis nahm, was wir tun. Miklós Németh erkundigte sich regelmäßig, kam ins Lager und freute sich, dass die Lagerbewohner ruhig waren. Dies hatte eine große Befreiungskraft. 

Wo sind wir jetzt, 30 Jahre später? Könnte es auch heute passieren, dass die Menschen in der Nähe der Pfarrei Zugliget einer Menge von Fremden helfen? Wurde die damals eingestürzte Mauer symbolisch nicht wiederaufgebaut?

In den langen Jahrzehnten des Kommunismus, nach dem Zweiten Weltkrieg gab es Menschen, die noch christlich erzogen wurden. Selbst unter Druck hielten diese Menschen christliche Werte für wichtig. In ihren Beziehungen war es entscheidend, dass sie den anderen angehören. Heute ist dieses Gefühl in den Meisten nicht mehr präsent. Heute ist eine Generation ohne eine solche Bereitschaft aufgewachsen. Aber die Menschen sind heute nicht schlechter als früher! Menschen, denen christliche Werte gleichgültig sind, können auch etwas Gutes tun. Der Unterschied ist, dass es heute immer auch ein Selbst-Interesse gibt, auch wenn man etwas Gutes tut. Damals ist diese Frage niemals aufgekommen. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg wollten die Menschen einfach nur überleben. Das individuelle Interesse war weniger wichtig. Sie wollten die schwierigen Zeiten gemeinsam überstehen. Diese Art der Verpflichtung, zu leben und Verantwortung füreinander zu übernehmen, wurde geschwächt.

Wenn wir uns an die Ereignisse vor 30 Jahren erinnern, warnt uns das?

Vor 30 Jahren war es nicht nötig, die Leute darum bitten, zu kommen und zu helfen, weil sie ohne Bitte kamen. Es kamen mehr Leute, als es nötig war! Sie sahen nur die Aufgabe vor sich. So konnte das Lager schon am ersten Tag nach dem ersten Aufruf eingerichtet werden. Am ersten Abend konnten wir auf dem Kirchhof in Zugliget mehr als 960 Menschen herbergen. Wir rufen heute Leute an und sie kommen nicht, weil niemand dafür Zeit haben will. Dies ist in einer „gesunden“ Gesellschaft nicht der Fall. Wahrscheinlich aufgrund des Gefühls des Mangels verweisen wir oft, sowohl in Europa als auch in Ungarn, auf das christliche Erbe und die christlichen Werte. Nach dem Paneuropäischen Picknick kamen die Ereignisse in Rumänien. Der damalige Präsident Ungarns hat mich gebeten, Hilfseinsätze zu organisieren. Ich habe eine herzerwärmende Erfahrung aus dieser Zeit. Bei einer Sonntagsmesse schlug ich vor, dass ich 70-80 Männer, zwischen 30-50 Jahren brauche, die einen Monat freiwillig arbeiten können, um dieses Hilfe-Programm erfolgreich umzusetzen. 139 Männer haben sich beworben.

Könnte dies die Botschaft des Jubiläums sein?

Heute reicht ein Anruf nicht mehr aus. Zu dieser Zeit waren die Leute mehr davon überzeugt, dass es möglich ist, etwas Sinnvolles zu tun. Der Elan ist heute dadurch abgeschwächt, dass viele Menschen ihre edelsten Anstrengungen auf eine falsche Balance setzen. Es geschah 1994, als zum 5. Jahrestag der Eröffnung des Lagers eine Gedenktafel an der Wand der Zugliget-Kirche angebracht wurde. Die Eröffnungsrede hielt der deutsche Botschafter Otto-Raban von Heinichen. Seine „dreisätzige“ Rede lautete: „Kennen Sie ein Volk, eine Nation, die einem Reicheren und Größeren selbstlos geholfen hat? Ich kenne nur ein einziges Volk, eine einzige Nation. Es gibt nur eine solche Nation auf der ganzen Welt: die UNGARISCHE, denn die Ungarn haben das größte Herz.“

Fact

Jährlich, Mitte August finden Gedenkfeiern an der Stelle des Grenzdurchbruchs statt. Die Konrad-Adenauer-Stiftung organisiert zusammen mit der Stadt Sopron, der Stiftung Paneuropäisches Picknick ´89, der Stiftung Union für ein Bürgerliches Ungarn und dem József Antall Wissenszentrum ein internationales Symposium zum Grenzdurchbruch. An den Feierlichkeiten werden die deutsche Kanzlerin Angela Merkel sowie der ungarische Premier Viktor Orbán teilnehmen.


(Fotos und Beitragsbild: Attila Lambert)