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„Ich habe vor nichts Angst … Wenn ich das schaffe, kann ich alles überleben“: Interview mit Réka Pávó, Fotograf und Leukämie-Überlebender

Réka Pávó ist Fotograf. Sie hat vor nichts Angst. Sie hat keine Angst, weil sie das Schlimmste schon überlebt hat: Vor einem Jahr wurde bei ihr Leukämie diagnostiziert. Sie hat mehr als neun Monate Krankenhausbehandlung und Chemotherapie hinter sich. Das 30-jährige Mädchen dokumentiert ihre Krankheit und ihren Alltag in einem Blog. Ihre Mission ist, die Menschen auf die Bedeutung der Blut- und Stammzellspenden aufmerksam zu machen, da diese für viele Menschen überlebenswichtig sind. Fast genau ein Jahr nach der Diagnose erhielt sie ihr negatives Biopsieergebnis, und auch die Nachricht, dass sie den Preis eines renommierten internationalen Fotowettbewerbs gewonnen hat. Hungary Today hatte die Gelegenheit, mit ihr in ihrem Haus über den Fotowettbewerb und ihre Krankheit zu sprechen. Geschrieben von Fanni Kaszás, übersetzt von Ungarn Heute. Fotos: Vivien Cher Benkő.

Was hast du gerade gemacht als du erfahren hast, den internationalen Fotowettbewerb von Huawei und National Geographic gewinnen zu haben?

Ich bin gerade von meinem Mittagsschlaf aufgewacht und habe die Webseite angeschaut – ich wusste, dass die Ergebnisse an diesem Tag bekannt gegeben werden. Ich war schockiert, als ich mein Bild in der Mitte der Titelseite sah. Ich überprüfte es immer wieder und als das Bild nach einer Stunde immer noch dort war, fing ich an zu weinen und schrie meine Mutter in der Küche an. Ich bat sie, die Webseite anzuschauen, weil ich immer noch überzeugt war, dass es ein Fehler sein muss. Ich konnte es einfach nicht glauben.  Ich sagte meiner Mutter, es soll ein Trostpreis oder eine Pflichtkategorie sein…

Der Hauptpreis ist mit mehreren Geschenken verbunden: eine Fotoreise, Laptop, Geldpreis … Worauf hast du dich am meisten gefreut?

Die Reise nach Italien … Das ist sehr interessant: gerade vor meiner Krankheit reiste ich nach Italien. Ich halte es für einen interessanten Zufall: ich war kurz nach der Heimreise aus Venedig fast gestorben, und jetzt kann ich mein neues Leben ohne Krankheit gerade mit einer Reise nach Venedig beginnen…. Was den Geldpreis betrifft, ich werde alles für brandneue Fotoausrüstung ausgeben.

Wie und wann hast du zum ersten Mal mit Fotografie getroffen?

Ich war 16, als ich meine ersten Fotos gemacht habe und ich habe mich sofort in die Fotografie verliebt. Ich habe meine ganze Freizeit – und Geld – dafür ausgegeben. Und Fotografie wurde auch zu einer Therapie in meiner Krankheit.  Es hat mir sehr viel geholfen.

Was und wer hat dir noch in den schwierigsten Momenten geholfen?

Wenn du krank wirst, wird es dir bewusst, dass es wirklich egal ist, wie viel Geld, wie viele Freunde du hast oder wie deine Familie ist. Wenn du nicht gesund bist, kannst du nichts tun oder genießen. Ich denke, meine Genesung hatte drei Komponenten. Ein Drittel davon war meine Familie, ein anderer war Gott; das dritte war Fotografie. Ich bin auch meinem Verlobten sehr dankbar. Er war meine Hauptmotivation. Er sagte: „Schau, ich werde dich mit Glatze auch lieben. Ich werde dich nie verlassen. Wir werden das zusammen machen.“ Ich bin sehr dankbar, dass er die ganze Zeit bei mir war. Er hat die Chemo- und die Krankenhausbehandlung mit mir gemacht und tut es immer noch. Das ist ein echtes Geschenk.

Ich sehe die Maske aus dem Siegerbild mit der Inschrift: HOPE. Wie hast du das Foto gemacht? Ist es jetzt ein Symbol oder ein Maskottchen für dich?

Ja es ist mein Maskottchen, weil ich es von meinem Freund bekommen habe, als ich das Foto gemacht habe. Eigentlich wollte ich einen Joker-Mund darauf malen, aber ich hatte keinen roten Lippenstift, also schrieb ich stattdessen HOPE darauf. Jedoch, von der Chemo beeinflusst, schrieb ich es ungeschickt, umgekehrt. Ich musste das Bild später spiegeln, um es lesen zu können. Eigentlich wollte ich zuerst eine Schwarz-Weiß-Fotoserie meiner Mitbewohnerin in dem Krankenhaus machen, aber sie hat es mir nicht gelassen. Sie wollte sich in diesem Zustand nicht in den Bildern sehen. Natürlich hatte ich nichts dagegen; Ich habe sie absolut verstanden. Ich wurde dann mein eigenes Model, weil ich niemanden hatte, von dem ich Fotos machen konnte.

 

Und wie bist du zum Bloggen gekommen? Ist es eine Art Therapie? Oder wolltest du anderen helfen, indem du über deine Krankheit erzählst?

Am Anfang versuchten mich die Ärzte darauf vorzubereiten, dass ich sehr lange in einem Krankenhausbett bleiben werde, und dass ich darüber nachdenken sollte, wie ich meine überschüssige Energie freisetzen und in etwas Gutes investieren könnte. Eine Woche nach der Diagnose begann ich aus Leidenschaft zu bloggen. Ich bin kein Schriftsteller, habe nie etwas Ähnliches gemacht. Ich habe mir ein paar ähnliche Seiten über Krebs angeschaut, aber ich wollte nicht über Behandlungen und mentale Schwierigkeiten auf die gleiche Weise schreiben. Da ich eine Art verrückter Mensch bin, dachte ich, ich würde Texte mit dummen Bildern kombinieren, um es bunter zu machen.

Du hast schon sehr viele „Follower“ in den sozialen Medien! Wie kannst du diesen „Einfluss“ benutzen?

(…) Ich möchte eine Nachricht mit allen meinen Bildern senden, besonders mit meinen Fotos über meine Krankheit. (…) eine gesunde Person kann nichts über Krebs schreiben; Es ist nicht real. Also schreibe ich darüber und versuche, alles zu zeigen, die Realität davon. Was mir am wichtigsten ist, und ich sehe es als meine wahre Mission an, dass ich Hunderte von Menschen dazu gebracht habe, Blut oder Stammzellen zu spenden. Das ist eine große Sache. Es ist wirklich lebensrettend und wichtig für die Genesung.

Du hast erwähnt, dass du deine verrückte, humorvolle Seite auch in deinen Bildern und Blogposts zeigst, auch wenn du über deine Krankheit redest. Warum du damit angefangen, dich zu verkleiden und Perücken zu tragen? Ist es auch eine Art von Therapie?

Ja. Ich kaufte fünfzehn Perücken und Kostüme und bestellte alles aus dem Internet, was höchstens zwei Dollar kostete und verrückt war. Die rosa Perücke ist mein Favorit. Einmal bin ich mit meinem Leopardenmantel und meiner rosa Perücke in die Notaufnahme gegangen. Ich trage diese nicht, um die Leute wütend zu machen, ich fühle mich einfach gut darin.

Man sagt, dass eine Krankheit signalisiert, dass jemand zu gestresst und überlastet ist. Hast du das gleiche Gefühl? Wie hat dich diese Krankheit verändert?

Ich war gerade verlobt mit meinem Freund, wir planten schon unsere gemeinsame Familie, hatte eine schöne Wohnung und liebte meinen Job. Trotzdem stimme ich dem zu, was du gesagt hast. Vielleicht habe ich etwas falsch gemacht und jetzt versuche ich es zu korrigieren. Ich versuche, ein besserer Mensch zu werden und mein Leben neu zu bewerten. Ich mache alles anders. Ein ganz anderes Mädchen kam aus dem Krankenhaus aus. Aber ich habe vor nichts mehr Angst. Wenn ich das überlebte und Leukämie besiegte, werde ich alles überleben. Nach der positiven Biopsie sagte man mir, dass ich nur noch Wochen habe. Während der Behandlung feierte ich meinen dreißigsten Geburtstag. Dani, mein guter Freund aus dem Krankenhaus, lebte noch damals. Er kam in mein Zimmer, wir redeten viel, aßen Kuchen und tranken Kinderchampagner. Es war eine große Party…

Wagst du schon nach der negativen Biopsie, auch länger zu planen? Möchtest du ein professioneller Fotograf sein?

Jeder muss einen Traum haben. Natürlich möchte ich in der Zukunft nur als Fotograf arbeiten. Das ist mein Leben. Aber ich muss noch viel zu üben und zu lernen. Ich kann es kaum erwarten, die Wohnung zu verlassen und Fotos zu machen, nicht mehr nur von mir selbst. Nächstes Jahr werde ich nach Italien fahren, und werde danach meine Bewerbung bei der Vogue in Mailand einreichen. Trau dich groß zu träumen!

(Geschrieben von Fanni Kaszás, übersetzt von Ungarn Heute, Fotos: Vivien Cher Benkő)