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„Ich hatte eine schrecklich-große Sehnsucht nach Ungarn, die mir die Kraft gab, für das Land in Venezuela zu arbeiten“

Zsófia Nagy-Vargha 2019.06.28.

Wie erleben drei verschiedene Generationen die schwere politische und wirtschaftliche Krise in Venezuela? Wie können die ungarischen Pfadfinder helfen und wie können sie überhaupt funktionieren, nachdem sehr viele Ungarn das Land in den letzten Jahrzehnten verlassen hatten. Judit Kristóffy Nyisztor ist 84. Sie hat Ungarn mit ihren Eltern noch vor der sowjetischen Besatzung verlassen, sie war damals erst 10 Jahre alt. Sie sagt: sie muss jetzt in Venezuela die gleiche „Unsicherheit“ erleben, als im Jahre 1945 in Ungarn. Ihre Tochter wurde schon in Venezulea geboren, und die Enkelin ist ein echtes venezianisch-ungarisches Mädchen, das Ungarn im karibischen Land als Pfandfinderin vertritt. Die 3-Generationen-Pfadfinderfamilie: Judit Kristóffy Nyisztor, die Tochter Ildikó Nyisztor sowie die Enkelin Zsófia Mirabal erzählte über ihre Geschichte  und über das Leben in Venezulea unserem Portal, Ungarn Heute. Wir trafen uns noch im Mai, nach der Konferenz der Stiftung Freunde von Ungarn.  

Das letzte Flugzeug aus Venezuela war gerade das, womit Sie nach Ungarn kamen. Der Luftraum des Landes wurde dann für einige Tage geschlossen. Was haben sie gedacht? 

KNYJ: Wir haben daran nicht gedacht, dass es das letzte Flugzeug sein wird. Wir haben uns doch sehr gefreut, darauf einsteigen zu können. Es war gar keine einfache Reise, wir landeten zuerst in Curaçao, dann in Lissabon, und dort haben wir die Verbindung verpasst. Wir fuhren insgesamt 29 Stunden, bevor wir in Ungarn ankamen. 

Erleben die 3 Generationen die Krise in Venezuela unterschiedlich?

NYI: Ja, wir erleben das sicherlich ganz anders. Meine Mutti ist 84. Sie musste schon den Zweiten Weltkrieg erleben, dann musste sie vor der sowjetischen Besatzung aus ihrer Haimat fliehen. Es wäre für sie sehr schwer, ihr Leben wieder neu zu beginnen. Obwohl ich noch jung bin, wäre es für mich auch nicht einfach. Ich habe alles in Venezuela: meine Tochter, meine Arbeit und meine Wohnung, einfach: mein Zuhause.

MZS: Ich bin erst 18, ich werde in diesem Jahr das Abitur ablegen. Ich liebe Venezuela, möchte auch hier bleiben und hier studieren.

Die politische und wirtschaftliche Situation ist ja schwer, gerade deswegen ist die Frage aufgetaucht, dass ich nach Ungarn oder nach Deutschland für eine gewisse Zeit kommen würde.

Aber mein Zuhause ist in Venezuela. Das ist meine Heimat, die ich liebe. Ich stelle mir mein Leben da vor.

In den Nachrichten kann man viel über Venezuela sehen und hören, doch der Alltag ist kaum vorstellbar. Was ist am schwierigsten?

KNYJ: Einkaufen ist zum Beispiel ein großes Problem. Woher bekomme ich Zucker oder Mehl? Man muss von einem Ort zum anderen gehen. Unsere finanziellen Umstände haben sich auch sehr stark verändert. Es gibt eine so hohe Hyperinflation, d.h., alles wurde so viel teurer, dass jede Mahlzeit fast ein Problem bedeutet. Wir gaben unseren Bedürfnissen ein wenig nach, wir essen zum Beispiel viel bescheidener. Importierte, feine Lebensmittel gibt es schon lange nicht mehr. Wir versuchen es, ein bisschen sparsamer zu leben. Etwas Ähnliches habe ich schon erlebt, als wir im Jahre 1945 nach Österreich geflüchtet hatten. Dann haben wir gelernt, wie man das Wenige für sich einteilt, worüber sie gerade verfügt.

NYI: Ja, das ist sehr typisch, was gerade meine Mutti erzählt hatte, und für mich ist noch die öffentliche Sicherheit, was jetzt im Land sehr schlecht ist – das ist wichtig noch zu erwähnen.

Ich muss meine Tochter abends immer begleiten und kann sie nicht alleine lassen. So ist ihre Freiheit auch sozusagen begrenzt.

Wir müssen darauf sehr aufpassen. Um 19-20 Uhr sind schon die Straßen leer und es wäre sehr gefährlich, in der Nacht auf den Straßen zu spazieren. Das ist etwas, weswegen ich das Land verlassen könnte. 

Für die Eltern bedeutet das eine ständige Unruhe. Wie erlebt das ein junges, 18-jähriges Mädchen? Hast du Angst? Kann man diese Frage als eine Jugendliche anders behandeln? 

MZS: Dies ist eine sehr schwierige Frage, denn natürlich würden die jungen Leute auch hier gerne eine Party veranstalten, mit Anderen ausgehen oder einfach mit Freunden treffen… Ich muss immer mit dem Auto, mit meiner Mutti zu diesen Programmen fahren. Wir leben so, aber ich habe es akzeptiert. Ich liebe Venezuela.

Umstrukturiert diese Situation die unterschiedlichen Gemeinschaften? Ich meine zum Beispiel die Pfandfinder. Es sind sehr viele Ungarn in den letzten Zeiten aus Venezuela nach Ungarn heimgekehrt….

KNYJ: Ja, natürlich werden sie umstrukturiert. Wir haben einen sehr schönen „Treffpunkt“, das sogenannte „ungarische Haus“, wo wir immer ein sehr aktives soziales Leben hatten: Wir haben Mittagessen organisiert, Sportmannschaften und Pfadfinder zu Gast gehabt. Diese Treffen haben sich sehr stark reduziert. Das Leben der Pfadfinder ist ebenfalls begrenzt, es können weniger Kinder kommen.

Kann eine solche Krisensituation die Rolle der Pfadfinder verstärken? 

NYI: Ja, weil z.B. die Sozialarbeit, die wir leisten können, wurde noch notwendiger. Wir kennen die Situation vieler armer Menschen und versuchen ihnen zu helfen. Natürlich ist diese Arbeit für uns schwieriger geworden, weil wir viel weniger sind, aber wir versuchen uns jetzt daran anzupassen.

KNYJ: Wegen der fehlenden öffentlichen Sicherheit hat sich auch die Anzahl unsere Ausflüge verringert. Caracas ist eine wunderschöne Stadt, wir haben einen riesigen Berg vor uns, es wäre so viele Orte, wo wir hinfahren sollten! Die Kinder können wir aber allein nicht loslassen.

Ungarische Pfadfinder in Venezuela, Via: venezuelaimagyarok.blog.hu

Dies ist eben eines der Hauptmerkmale des Pfadfindens, dass größere Kinder auf die kleineren achten, genauer gesagt, sie bringen den Kleinen sehr viel bei. Überschreibt die Krise diese Gewohnheit? 

NYI: Ja, natürlich. Ein Beispiel: Jedes Jahr haben wir zu Ostern ein einwöchiges Camp, das dieses Jahr wegen der Krise nur drei Tage dauerte. In der Tat trauten sich die Eltern – auf eine völlig verständliche Weise – nicht, ihre Kinder für eine längere Zeit und ferner reisen zu lassen.

Schulkinder  lernen ungarischen Volkstanz, Windsurfen und sogar den „ungarischen Knoten“ zu knüpfen auf „Isla de Margarita“ im jahr 2016 Via: venezuelaimagyarok.blog.hu

Versucht sich die Politik ins Leben der Pfadfinder einzumischen?

NYI: Glücklicherweise lässt uns die Politik in Ruhe, wir können immer noch völlig frei arbeiten. Natürlich politisieren wir nicht, vielleicht deswegen. Wir versuchen es, für die Menschen viel zu tun, ihnen helfen und den Kindern unser Ungarntum zu übergeben. 

Zsófi, du bist sicherlich als eine richtige Pfadfinderin geboren. Wie alt warst du, bei deinem Eintritt?

MZS: Ja, ich wurde schon mit 7 Pfadfinderin und bin seitdem ein aktives Mitglied. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich sogar eine sogenannte „Bildung” in Fillmore gemacht.

Obwohl die Situation in Venezuela jetzt nicht so gut ist, ist es sehr positiv, dass wir überhaupt Pfadfinder-Teams haben.

Wir sind ja nicht zu viel. Es funktionieren jetzt zwei Gruppen, die Sankt Elisabeth für Mädchen, und die Sankt Stephan für Jungs. Wir werden die Arbeit fortsetzen, auch wenn wir jetzt erst sieben sind. Wir lieben Venezuela, Ungarn und das ungarische Pfadfindertum. Ziel ist es, unser Ungarntum zu erhalten und weiterzugeben.

Sie haben mehrmals erwähnt, dass die Zahl der ungarischen Pfadfinder abgefallen ist. Haben Sie genauere Daten dazu?

KNYJ: Ja, leider ist dies der Fall. Vor 30 Jahren gab es 60-60 Pfadfinder pro Team, und diese Zahl wurde immer geringer. 20 Jahre lang waren wir nur zu 45-50. Jetzt sind wir insgesamt nur 25. 

Die ungarische Gemeinschaft verringert sich auch sehr schnell. Viele sind in den letzten Jahren nach Hause gekommen. Erschwert dies auch zum Beispiel die Rekrutierung?

KNYJ: Es gibt immer noch viele Ungarn, aber nicht alle leben in Caracas. Diejenigen, die hier leben, versuchen wir zu erreichen. Es gibt nicht nur deswegen weniger Ungarn, weil viele nach Hause gegangen sind, sondern auch, weil die Zahl der Geburten gesunken ist. Es gibt weniger junge Paare und auch weniger Kinder. Es ist sehr interessant, dass sogenannte „gemischte Ehen“ eher in der dritten Generation häufiger auftreten. Und noch interessanter ist es: wo die Frau, also die Mutter nicht ungarisch ist, aus diesen Familien kommen die Kinder am meisten zu unserem „Ungarischen Haus“. Wahrscheinlich bedeutet für sie das Pfadfindertum eine Garantie für eine gute Erziehung. Ich kann also sagen, dass die venezolanischen Mütter unser ungarisches Pfadfindertum jetzt besser unterstützen als die Ungarn selbst. 

Das Ziel der ungarischen Pfadfinder auf der ganzen Welt ist es, das ungarische Bewusstsein zu bewahren und weiterzugeben. Gibt es etwas typisches in Venezuela? 

KNYJ: Auch wir sind ein fester Bestandteil des ungarischen Pfadfinderverbandes. Sie geben nicht nur uns Programme – nach Altersgruppen – sondern weltweit allen Verbände. Es gibt natürlich lokale Einzigartigkeiten, vor allem die Verwendung von unterschiedlichen Sprachen. Bei uns sprechen viele Menschen kein Ungarisch mehr, so wird es bei uns Spanisch häufig verwendet. Und wir können auch den lateinamerikanischen Einfluss auf uns spüren.

Wir unterscheiden uns von den anderen ungarischen Pfadfindern auf der Welt darin, dass wir hier leben. Die Nordamerikaner oder Australier haben vielleicht ein ganz anderes Temperament.

Wir lächeln mehr und fassen die Dinge lockerer. Wir sind ein bisschen „lateinamerikanisch” geworden. 

Wie oft können die Pfadfinder treffen und wie sieht eine solche Gelegenheit aus?

MZS: Wir singen viele ungarische Lieder, wir lernen Pfadfindergesetze, und wir benutzen inzwischen zwei Sprachen, außer Ungarisch, natürlich Spanisch. Denn wie bereits meine Großmutti gesagt hat, sprechen viele kein Ungarisch mehr.

Wir versuchen aber auch, ihnen die ungarische Sprache beizubringen, damit wir das Ungarntum am Leben erhalten können.

Du hast nie in Ungarn gelebt und bist tausende Kilometer vom Land entfernt „eine Ungarin“ geworden. Wie denkst du an Ungarn?

MZS: Jetzt, im Mai, sind wir zur Konferenz der „Stiftung Freunde von Ungarn” nach Budapest gekommen, mit solchen Personen zusammen, die in Ungarn bisher nicht viel Zeit verbracht haben. Eins ist gleich in uns: alle haben ungarische Wurzeln. Doch als wir nach einem Ausflug mit dem Bus aus Esztergom zurückkamen, kannten alle die ungarischen Lieder und wir sangen sie zusammen. Es war so schön und ich fühlte mich so wohl darin. Vielleicht deswegen, denn meine Großmutter hat mir viel über Ungarn erzählt.

„Wir waren, wir sind und wir bleiben für immer Ungarn“ – Freunde von Ungarn werden ausgezeichnet

 

KNYJ: Ich war erst 10, als ich mit meiner Familie das Land verlassen musste. Wir flüchteten zuerst nach Österreich, dann nach Frankreich, später zogen wir nach Venezuela um. Wir waren „Flüchtlinge”, wir flüchteten vor den sowjetischen Truppen. Sie besaßen das Land am 4. April, wir verließen Ungarn am 31. März. Meine Eltern wollten einfach unter sowjetischer Besatzung nicht leben. Nach der Wende in 1989 kam ich mehrmals zurück, ich habe ja Verwandte hier. 

Wie haben Sie die Flucht als ein Kind erlebt?

KNYJ: Ich habe mich oft gefragt, ob es ein Trauma in mir hinterlassen hat. Ich glaube, er hat es nicht getan, aber er hat mir geholfen, reif zu werden. Als wir in 1945 die Grenze hinter uns ließen, und ich zurückblickte, hatte ich das Gefühl: ich würde sehr lange nicht hierher zurückkehren.

Lange Zeit hatte ich eine schrecklich-große Sehnsucht nach Ungarn, die mir die Kraft gab, für die Ungarn in Venezuela zu arbeiten.

Die zweijährige „Migration“ war sehr schwierig, bis wir in Venezuela ankamen.

MZS: Meine Großmutti hat sehr viel darüber erzählt. Ich weiß, dass es sehr schwierig für sie war, aus ihrer Heimat zu flüchten. Jetzt, da die Situation in Venezuela ähnlich so schwierig geworden ist, kann ich mich besser nachfühlen, was sie damals erleben musste. 

Hatten Sie es irgendwann vor, nach Ungarn zurückzukehren? 

NYI: Es gab keinen solchen Plan, aber wir kamen oft zu Besuch. Wir haben in Venezuela sehr gut gelebt. Das änderte sich jetzt natürlich, aber wir planen nicht, das Land zu verlassen.

Wie gewöhnlich ist es, dass deine Freunde in Venezuela dich über Ungarn fragen? Was wissen sie überhaupt über das Land? 

MZS: Ja, ich erzähle ihnen viel über Ungarn. Ich sage immer, es ist meine zweite Heimat. Ein sehr schönes Land und ich mag es wirklich. Ich habe einen Freund, dem ich bereits so viel Schönes über Ungarn gesagt habe, dass er nach Budapest kommen möchte und er würde gerne hier auch studieren. 

Dann können Pfadfinder eine gute Werbung für Ungarn im Ausland leisten…

KNYJ Ja, wir erzählen sehr viel Schönes und Gutes über Ungarn. Die, im Ausland lebenden Ungarn können sehr gut für das Land werben. Tatsächlich hören viele von uns zum ersten Mal über das Land, dass Ungarn in Europa überhaupt existiert.

(Beitragsbild: Judit Kristóffy Nyisztor, die Gründerin des ungarischen Pfadfindertums in Venezuela Via: facebook.com/zsondamarkargentina)