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Tag des Gedenkens: Vor 76 Jahren begann die Vertreibung der Ungarndeutschen

An diesem Tag, dem 19. Januar 1946, begann die organisierte Vertreibung der Ungarndeutschen aus Ungarn, derer Kultur durch die Assimilation innerhalb von Jahrhunderten ein Teil der ungarischen Kultur geworden ist. Die deutsche Bevölkerung wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zu stigmatisierten Opfern einer Kollektivschuld, indem sie aus ihrer neuen Heimat vertrieben und in den Westen gewaltsam deportiert wurde. Das ungarische Parlament entschied 2012 darüber, dass jedes Jahr an diesem Tag der tragischen Ereignisse nach dem Zweiten Weltkrieg gedacht werden soll.

Obwohl der heutige Tag dem Gedenken an die traurigen Ereignisse dient, blicken wir noch weiter zurück und schauen wir an, wo die Geschichte der Ungarndeutschen begann.

Der Anfang einer blühenden Beziehung…

Nach dem Ende der osmanischen Besetzung und der Rückeroberung der Burg von Buda (1686) befanden sich die ungarischen Ländereien in einem sehr schlechten, zerrütteten Zustand. Auf ihrem Rückzug haben die Türken viele Leute mitgenommen und brannten das Land nieder. Das war die sog. Strategie der verbrannten Erde. Nach diesen Ereignissen ist die Bevölkerung im Lande auf die Hälfte gesunken. In dieser ausgeplünderten Situation war Ungarn gezwungen und darauf angewiesen, Siedler von außerhalb des Landes zu holen. Die große Frage war, woher?

Auf den ersten Blick ist es nicht ganz klar, warum genau deutsche Einsiedler nach Ungarn gekommen sind, aber wenn wir weiterdenken, dann ist diese Tatsache eindeutig. Einer der Gründe dafür war, dass während des Erbfolgekriegs französische Soldaten unter anderem in Hessen und im Rheinland einmarschierten und alles verwüsteten. Ein weiterer Grund war der zunehmende Seehandel, mit dem die Grundbesitzer im Landesinneren nur durch Steuererhöhungen Schritt halten konnten. Das war die sogenannte Steuerpresse. Nicht zuletzt dürfen wir nicht vergessen, dass durch die Heirat des ungarischen Königs Stephan dem Heiligen mit Gisella (von Bayern) zur Zeit der Staatsgründung das Land für die Deutschen offen gemacht wurde. Zu dieser Zeit sind viele deutsche Mönche nach Ungarn gekommen, damit wurden die kulturellen Voraussetzungen für die künftige Einwanderung geschafft.

Fact

Die Ungarndeutschen sind die zweitgrößte nationale Minderheit im heutigen Ungarn. Ihre Zahl beträgt etwa 200 000-220 000, was 2,5 % der Gesamtbevölkerung des Landes entspricht. Die Bezeichnung „Schwaben“ ist nicht nur in Ungarn, sondern in den Nachbarländern bekannt, wobei die Benennung nicht ganz richtig ist, denn schwäbische Deutsche leben fast ausschließlich im Komitat Szatmár. Die ersten Einsiedler waren wohl Schwaben aber es gibt mehrere Volksgruppen, wie die Ponzichter, Stiffoller, die Zipser, usw, die in verschiedenen Regionen des Landes leben.

Erst nach der Wende, im Jahr 1993, wurde ein Gesetz über die Rechte der nationalen und ethnischen Minderheiten verabschiedet, das die Einrichtung von Minderheitenselbstverwaltungen in Ungarn vorsah. Nach den Wahlen der Minderheitenselbstverwaltungen vom Dezember 1994 wurde auf der Elektorenversammlung der deutschen Minderheit am 11. März 1995 die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen gewählt. Bis November 1995 entstanden 164 deutsche Minderheiten-Selbstverwaltungen, deren Dachorganisation auf Grundlage des Minderheitengesetzes von 1993 beziehungsweise des 2011 an seine Stelle getretenen Nationalitätengesetzes die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen (LdU) ist. Bei der Parlamentswahl in Ungarn 2018 erreichte die aufgestellte Liste der LdU ausreichend Stimmen für ein Parlamentsmandat, und Emmerich Ritter zog als Vertreter der Ungarndeutschen ins neue Parlament ein

Die Einsiedlung erfolgte in drei Phasen. Wichtige Rollen spielten König Karl III. in der ersten Phase, Maria Theresia in der zweiten und ihr Sohn König Joseph II (Kaiser des Heiligen-Römischen-Reiches) in der dritten Phase.

Heute vor 75 Jahren begann die Vertreibung der Ungarndeutschen
Heute vor 75 Jahren begann die Vertreibung der Ungarndeutschen

Am 19. Januar 1946 fuhr der erste Zug vom Bahnhof Budaörs (Wudersch) bei Budapest ab, welcher die deutsche Volksgruppe aus ihrem Heimatland abtransportierte. Zwischen 1946 und 1948 wurden mehr als 185.000 Menschen deutscher Nationalität ihrer Staatsbürgerschaft, ihrem Vermögen und ihrer Immobilien entzogen, sowie nach Deutschland vertrieben. Auf der Potsdamer Konferenz im August 1945 haben die […]Weiterlesen

Am Anfang des 20. Jahrhunderts…

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verbesserten sich die demografischen Zahlen deutlich, was eindeutig auf die Assimilation der deutschen Einwohner zurückzuführen ist. Die Deutsche Volkspartei Ungarns wurde 1906 gegründet. Und 1911 wurde in Wien der Deutsch-Ungarische Kulturrat gegründet, der über den Alldeutschen Verband Stipendien an junge Deutsch-Ungarn vergab. In den 1920er Jahren gab es 500.000 Deutsche in Ungarn. 1924 wurde der Volksbildungsverein der Ungarndeutschen gegründet.

Die Eskalation von Konflikten…

Bis 1938 verlief die Zusammenarbeit zwischen den Ungarn und dem Verband praktisch konfliktfrei. 1938 erreichte der zunehmende nationalsozialistische Einfluss die Ungarndeutschen und die Bewegung von Ferenc Basch und seiner Bemühungen der ethnischen Autonomie trat in den Vordergrund. Basch forderte die Kontrolle über das deutsche Bildungswesen und die Schulen in Ungarn. Im April 1938 wurde der Volksbund gegründet, der den Volksbildungsverein für das Bildungswesen der Ungarndeutschen ablöste.

Fact

Der Volksbund vertrat die Interessen des Dritten Reiches in Ungarn und spielte eine wichtige Rolle bei der Rekrutierung der Waffen-SS im Lande, die später zur kollektiven Stigmatisierung der deutschen Minderheit und schließlich zu den Vertreibungen führte.

Nach dem Verlust des Zweiten Weltkriegs befanden sich die Ungarndeutschen in einer völlig verwundbaren Lage. Natürlich ging es nicht nur um die Stigmatisierung. Die im März 1945 verkündete Bodenreform wurde zum Teil durch die Beschlagnahme von Grundstücken, Immobilien und beweglichem Eigentum der Ungarndeutschen im Land durchgeführt, um der armen bäuerlich-agrarischen-proletarischen Klasse Land zu verschenken und sie umzusiedeln. Dafür musste man aber die Ungarndeutschen vertreiben.

Fact

Es gab ein 9-jähriges Waisenkind, das seine Eltern und Geschwister infolge der miserablen gesundheitlichen Bedingungen des Krieges verloren hatte und deren verbliebene Verwandte zwangsweise deportiert wurden, weil sie sich als Deutsche identifizierten, während das Waisenkind -obwohl es kein Ungarisch sprach- sich als Ungar bezeichnete. So wurden seine Cousins, sein Onkel und seine Verwandten vertrieben, während das Kind bei seiner kranken Großmutter in Ungarn bleiben musste.

Wir wollen ein volkstümliches und demokratisches Land aufbauen, […] gesäubert von den deutschen Verrätern , die alles Ungarische herabsetzten, sich hochmütig in den Dienst der Hitler-Diebe stellten und das Ungarn verrieten, das ihnen eine Heimat gegeben hatte, als sie mit einem Wanderstab in der Hand und einem Knüppel auf dem Rücken im reichen ungarischen Land ankamen.

(Rede von Miklós Béla Dálnoki vor der vorläufigen Nationalversammlung, 21.12.1944, Quelle: library.hungaricana.hu)

Die radikalsten Ideen wurden von der Nationalen Bauernpartei und der Ungarischen Kommunistischen Partei vertreten. Die Kommunisten waren für die Verfolgung und Deportation der gesamten deutschen Bevölkerung in Ungarn.

Die Schwaben kamen mit einem Bündel hierher, sie sollen ebenso mit einem Bündel weggehen!

schrieb Imre Kovács, Politiker der kommunistischen Partei in seinem berüchtigten Artikel, der in der Zeitschrift Szabad Szó veröffentlicht wurde.

Am 22. Dezember verabschiedete der Ministerrat den Regierungserlass Nr. 12. 330/1945 M. E. über die Vertreibung der Ungarndeutschen nach Deutschland. Laut diesem Erlass wurde das gesamte unbewegliche und bewegliche Vermögen von deutschen Personen entschädigungslos eingezogen.

Die Vertreibung…

Derjenige musste das Land verlassen, der

  • sich bei der Volkszählung im Jahre 1941 als Deutscher angegeben hat
  • der den zuvor ungarisch gewordenen Namen wieder eingedeutscht hat
  • Mitglied des Volksbundes oder der Waffen-SS war.

Die erste Phase der Vertreibung betraf die deutschstämmigen Bewohner der Dörfer rund um Budapest, gefolgt von der Donau-Theiß-Region und den anderen Regionen. Jedes Dorf wurde innerhalb weniger Tage evakuiert. Die Vertreibung der Deutschen wurde durch einen Regierungserlass vom 11. Oktober 1949 aufgehoben, der den deutschen Einwohnern die Staatsbürgerschaft verlieh und die Beschränkungen für den Aufenthalt und die Beschäftigung aufhob.

(Quellen: ogyk.hu, library.hungaricana.hu, wikipedia.org, Beitragsbild und Fotos: Fortepan)