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Ungarische Presseschau über Junckers „Lobrede auf Marx”

Eine umstrittene Rede hatte der Präsident der Europäischen Kommission anlässlich des 200. Geburtstags von Karl Marx am vergangenen Samstag in seinem Geburtsort – Trier gehalten. Jean-Claude Juncker pries Marx als „den größten Denker der Neuzeit“. Er bezeichnete ihn als „Mentor der Revolution des Proletariats“ und betonte: „Marx ist nicht verantwortlich für all die Gräueltaten, die seine angeblichen Erben zu verantworten haben.“ Regierungsnahe bzw. -kritische Konservative wettern gegen den Präsidenten der Europäischen Kommission. Presseschau von budapost.de. 

 

Die Historikerin Mária Schmidt weist Junckers Äußerungen zurück. In ihrem Blog Látószög erinnert sie daran, dass Juncker es gewesen sei, der anlässlich des Todes von einem dieser „vermeintlichen Erben“, Fidel Castro, hohe Wertschätzung für den verstorbenen Diktator zum Ausdruck gebracht habe. „Als in einer ungarischen Provinzstadt eine Büste für den deutschfreundlichen ungarischen Historiker Bálint Hóman eingeweiht werden sollte, der 1946 unter einer fiktiven Kriegsverbrecher-Anklage verurteilt worden war und später im Gefängnis starb, protestierte US-Präsident Obama persönlich, wobei er dem Vorbild des deutschen diplomatischen Dienstes und der westlichen Presse folgte“, ruft Schmidt in Erinnerung (vgl. BudaPost 2015/16). Dies, so die der Regierung nahestehende Historikerin, sei ein peripheres Ereignis gewesen, während die Würdigung von Karl Marx durch den führenden Vertreter der EU eine Botschaft von weltpolitischer Bedeutung darstelle.

 

 

Auf hvg.hu vertritt László Seres die Auffassung, Juncker habe nach seiner Teilnahme an der Einweihungszeremonie zum 200. Geburtstag von Karl Marx und der dabei gehaltenen Rede jedes Recht auf Kritik an „osteuropäischen illiberalen Regimen“ verwirkt. Marx, so der neokonservative Kolumnist, „handelte aus brutalem Klassenhass, der kein bisschen netter ist als Rassismus“. Die Schrecken kommunistischer Regimes, so Seres, seien keine Verzerrung, sondern die logische Folge der Marxʼschen Gedanken.

In Népszava räumt der linksorientierte Historiker György Földes ein, „dass der Sozialismus nicht in der Lage war, Modernität, Freiheit und Gleichheit miteinander in Einklang zu bringen“. Allerdings sieht Földes in Marxʼ Erbe eine Botschaft der Befreiung. Das Marxʼsche Projekt sei keine „schädliche Utopie“ gewesen, denn das würde bedeuten, die Suche nach Freiheit in Verbindung mit Gleichheit für immer aufzugeben. „Er war ein Utopist“, schlussfolgert Földes, beharrt aber darauf, dass Marxʼ Ideen „die Welt zu einem besseren und anderen Ort gemacht haben“.

(Via: budapost.de, Beitragsbild: AFP PHOTO)