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Anstatt des Selbstbestimmungsrechtes der Völker haben die geopolitischen Interessen der Großmächte die Grenzen in Trianon umgezeichnet – Interview mit dem Historiker Balázs Ablonczy

Ungarn Heute 2020.06.04.

Ungarn ist nur so sehr für den Weltkrieg verantwortlich, wie auch jeder andere der teilnehmenden Staaten – behauptet der Historiker Balázs Ablonczy, dessen Buch Ismeretlen Trianon (Unbekanntes Trianon) bereits herausgegeben wurde. Der Vorsitzende der Forschungsgruppe Lendület Trianon 100 der Ungarischen Akademie der Wissenschaften meint zugleich, dass die schlechte internationale Stellung Ungarns eine Rolle bei der Ausarbeitung des Ungarns besonders hart treffenden Vertrags spielte. Er rechnet mit keinem Konsens zwischen den Historikern Ungarns und der Nachbarländer, denn was für Ungarn eine nationale Tragödie bedeutete, war für die anderen Beteiligten ein wichtiger Schritt in Richtung der Verwirklichung ihrer eigenen Nationalstaaten. Interview von Miklós Halász-Szabó – Hungary Today. 

Anfang Sommer 1918 schien es vielleicht noch, als ob die Österreichisch-Ungarische Monarchie den Krieg gewonnen und ihre Ziele erreicht hätte – schreiben Sie in Ihrem neuen Buch. Wie konnte daraus ein Kriegsverlust und eine historische Tragödie werden? 

Nun, indem die Situation in Wirklichkeit gar nicht so rosig war, wie sie von außen vielleicht erschien. In der Doppelmonarchie entstanden immer ernstere Versorgungsprobleme. Die Armee, die ohne deutsche Unterstützung schon seit Ende 1914 zu keinen selbständigen Militäroperationen mehr fähig war ist langsam kollabiert: an der italienischen Front kämpften auf unter fünfzig Kilo abgemagerte und in Fetzen gehüllte Soldaten. Der Zusammenbruch begann symbolisch mit der Versenkung der modernsten Einheit der kaiserlich-königlichen Kriegsmarine, des Schlachtschiffs „Szent István“ , und tatsächlich im völligen Versagen bei den Piaveschlachten Ende Juni 1918. Von hier an gab es nur noch den Niedergang.

Hätte die Österreichisch-Ungarische Monarchie ohne den verlorenen Weltkrieg fortbestehen können oder war der Zerfall des multiethnischen Staates nur eine Frage der Zeit?

Kurzfristig vielleicht, aber ich denke, längerfristig hätte nur ein autoritäres System, zum Beispiel eine Militärdiktatur, den Staat selbst aufrechterhalten können. Auf lange Sicht hätte auch irgendeine Art föderaler Struktur dem Reich zum Überleben verhelfen können, aber zu dem Zeitpunkt hat wohl die Kooperationsbereitschaft innerhalb der nationalen Eliten bereits gefehlt.

Der Vertrag von Trianon hat Ungarn besonders schwer getroffen. Albert Apponyi, der Leiter der ungarischen Delegation, hat in seiner Verteidigungsrede betont, dass wenn schon die als verantwortlich benannten Staaten bestraft werden, die dann im Verhältnis zu ihrer Verantwortung stehen muss. War Ungarn verantwortlich für den Ausbruch des Weltkriegs? Besonders verantwortlich für die kriegerische Zerstörung? Warum hat es die schwerste Strafe erhalten?

Ungarn trägt nur soweit Schuld oder Verantwortung für den Weltkrieg, wie jeder andere teilnehmende Staat auch.

Heute wissen wir, dass Ministerpräsident István Tisza die Kriegserklärung in der gemeinsamen Ministerversammlung abgelehnt hat: diese Tatsache war zu jener Zeit jedoch noch nicht bekannt. Davon unabhängig gab es aber auch die Absicht, nach der Auflösung der Doppelmonarchie ein zumeist aus souveränen Nationalstaaten bestehendes Föderalsystem hinter Deutschland zu bilden, mit dem die Sieger Deutschland in Schach halten und das bolschewistische Sowjetrussland isolieren könnten.

Wilsons Prinzip zum Selbstbestimmungsrecht der Völker folgend hat der Geograf und spätere Ministerpräsident Pál Teleki die „Rote Landkarte“ vorgestellt, welche die ethnischen Verhältnisse und die ethnischen Mehrheiten im historischen Ungarn aufzeigte, diese wurde jedoch nicht berücksichtigt. Warum hat man die ungarischen Argumente auf der Friedenskonferenz nicht angehört?

Die ungarische Friedensdelegation ist zu spät, nämlich erst ein Jahr nach Eröffnung der Konferenz in Paris angekommen. Die deutschen, österreichischen und bulgarischen Friedensverträge waren unterzeichnet, die Vereinigten Staaten hatten die Friedenskonferenz bereits verlassen, der Völkerbund war gegründet; also war schon zu viel geschehen, um noch wesentliche Änderungen zu bewirken.

Ich denke, dass die ungarischen Argumente auch deswegen nicht mehr gegriffen haben. Zugleich wurde die Einladung der Ungarn hinausgezögert, weil die Nachfolgestaaten sehr entschieden ein fait accompli (vollendete Tatsache) angestrebt hatten, also all jene Gebiete bereits zu besetzen, auf die sie Anspruch erhoben.

Hätte denn ein Friedensvertrag geschlossen werden können, der allseits akzeptabel gewesen wäre und der also nicht durch seine Ungerechtigkeit den Weg für einen nächsten Weltkrieg bereitet hätte?

Deutschland hat letztlich keine riesigen Verluste erlitten, es hat vier Prozent seiner Bevölkerung verloren. Die Gebietsverluste waren zwar größer, aber bei weitem nicht in einem Ausmaß wie für Ungarn. Trotzdem hatte ein bedeutender Teil der deutschen Politik sofort revisionistische Saiten angeschlagen. Dabei hat wohl auch die veränderte Natur der Pariser Konferenz eine Rolle gespielt, es wurde kein Konsens mit den unterliegenden Ländern mehr angestrebt, nicht einmal ihre Argumente wurden berücksichtigt, wie beim Wiener Kongress oder bis zu gewissem Grad auch bei der Berliner Konferenz, statt dessen betrieb man imperiale Machtpolitik im Mantel der Rhetorik demokratischer Selbstbestimmung. Und der allgemeine Nationalismus jener Zeit – in den siegreichen, wie auch in den unterlegenen Staaten – war Konsenslösungen auch nicht gerade zugeneigt.

Wie war die weltweite Einstellung zu Ungarn seit Anfang der 1910er Jahre? Hat sie die finale Entscheidung beeinflusst?

Schlecht und verdorben. Sie spielte sicher eine Rolle bei der Entscheidung.

Die Mittelmächte und darunter die Doppelmonarchie hatten den Propagandakrieg bei Kriegsbeginn bereits verloren. Und das hat die Geschehnisse in Ungarn sicher beeinflusst.

Die in Ungarn lebenden Ethnien haben oft die aus ihrer Sicht gewaltsame Magyarisierung beklagt, „man wolle sie zu Ungarn machen“. Wäre die Aufteilung des Landes ohne diese starke Nationalisierung vermeidbar gewesen?

Ich glaube nicht. Die ungarische Nationalitätspolitik war zwar nicht besonders großzügig, aber sie war auch nicht so schlimm wie ihr Ruf. Rivalisierende Staatsgründer mögen die Ereignisse als ungarischen Missstand darstellen, die historische Dynamik des 19. und 20. Jahrhunderts zeigt jedoch, dass jede nationale Elite die Einrichtung des eigenen Staates angestrebt hat. Hier ging es nicht um zwei weitere Gymnasien, Kindergärten oder andere Gesten in der öffentlichen Verwaltung. Kroatien hatte unter den „Länder der heiligen Stephanskrone“ eine relativ starke Selbstverwaltung, ihre Elite hat trotzdem nicht gezögert, sich 1918 dem Königreich Jugoslawien anzuschließen.

Wie weit waren die Konflikte zwischen den Nationalitäten und den Ungarn im Alltag präsent, vor allem in der Zeit zwischen Kriegsende und dem Friedensvertrag?

Das ist schwer zu beantworten. Durch die kriegsbedingte Verschärfung der inneren Konflikte hat sich das Verhältnis sicher verschlechtert – nicht gerade hilfreich waren da Internierungen, Verhaftungen und der Umstand, dass die kaiserliche Armeeführung für die Niederschlagung der immer häufigeren Aufstände sehr bewusst Truppen einer jeweils anderen Nation eingesetzt hat. In Tschechien wurden Ungarn, in Ungarn wurden Jugoslawen und die Deutschen überall ein bisschen eingesetzt.

Was hat die Logik der (wechselnden) politischen Führung Ungarns nach Ende des Weltkriegs bis zum Friedensvertrag charakterisiert? Haben sie mit einem „fairen“ Vertrag gerechnet? Wie viel Spielraum haben sie gesehen? Wann wurde klar, dass Ungarn solche drastischen Bedingungen aufgezwungen werden?

Die böse Vorahnung hat das Land plötzlich ergriffen, als es eigentlich schon zu spät war. Die politische Elite hat zwischen 1918 und 1921 hastig alles durchprobiert, vom pazifistischen Wilsonismus über die bewaffnete Landesverteidigung bis hin zur Suche nach Geheimallianzen. Jeder hat anders gehandelt als sein ideologischer Hintergrund oder seine politische Vorgeschichte es vorbestimmt hätten: die internationalen Kommunisten haben einen territorialen Verteidigungskrieg geführt, der konservativ elitäre Albert Apponyi hat wiederum ein Referendum vorgeschlagen, was eine Wilsonistische Idee war.

Im Juni 1919, nach dem sogenannten „Clemenceau Telegraph“, konnte man keine Illusionen mehr haben: die neuen Landesgrenzen wurden nun sogar in den Budapester Zeitungen veröffentlicht.

Nach Ende des Krieges bis zum Friedensvertrag sind noch mehr als eineinhalb Jahre vergangen und auch in dieser Zeit gab es keinen Frieden, denken wir doch an die rumänischen und tschechoslowakischen Militäreingriffe, die Rumänen drangen sogar bis Győr vor. Es schien, dass, obwohl der Krieg vorüber war, weitere Grenzen nicht nur mit diplomatischen Mitteln, sondern auch mit Waffen gezogen wurden, wie zum Beispiel im Fall der Türkei. Hätte Ungarn nicht mit Waffen einen günstigeren Frieden hervorbringen können?

Pál Teleki hat selbst über die Unterschiede der ungarischen und türkischen Beispiele gesagt, dass „wir keine kleinasiatische Wüste hatten, hinter die wir uns hätten zurückziehen können“, er hat also auf geographische Gegebenheiten zurückgeführt, warum es keinen erfolgreichen Widerstand gab. Beim türkischen Beispiel wird oft vergessen, dass einerseits Mustafa Kemal die Sowjetunion als Unterstützer im Rücken hatte und andererseits die Türken nicht an mehreren Fronten und gegen mehrere Armeen kämpfen mussten, sondern lediglich gegen die nicht gerade starke griechische Armee.

Gibt es ungarische Politiker, die dafür verantwortlich gemacht werden könnten, dass der Vertrag von Trianon letztlich so geworden ist? Zunächst der ermordete vormalige Ministerpräsident István Tisza, oder der Ministerpräsident nach der Austerrevolution Mihály Károlyi, sein Kriegsminister Béla Linder, vielleicht noch Béla Kun und die Räterepublik werden hier zuweilen genannt.

Die politische Elite Ungarns trägt hier gesamtschuldnerisch die Verantwortung: jene, die außenpolitische Illusionen hegten aber nicht über den Zaun der Monarchie hinaussahen, andere, die sich in doktrinär pazifistischen Illusionen gewogen haben, und auch jene, die eine gewaltsame Diktatur eingeführt haben.

Die Verantwortung im Detail herunterzubrechen, überlasse ich dem Leser.

Warum haben die Ungarn den Vertrag unterzeichnet? Haben sie befürchtet, dass, wenn sie es nicht tun, die Lage noch schlimmer wird? Rechneten sie damit, dass Ungarn von der Karte verschwinden könnte, wie es den Polen mehrfach widerfahren ist?

War auch das Land im Spätsommer oder Herbst 1919 kurz vor der völligen Auflösung, bestand diese Gefahr zum Zeitpunkt der Vertragsunterzeichnung doch eher nicht mehr, die Entente musste schließlich mit jemanden den Frieden schließen können. Allerdings gab es das Risiko, dass im Falle der Ablehnung das Land noch kleiner geworden wäre.

Wie hat die ungarische Gesellschaft diesen außerordentlich unsicheren und oft sehr qualvollen Zeitraum erlebt?

Schlimm: der Ungar dieser Zeit hatte Angst, fror, war hungrig und krank. Ich glaube, das ist ein wichtigerer Faktor in der Geschichte dieser Zeit als die Frage, welche Meinung der nach Budapest entsandte burische General Smuts von Béla Kun hatte.

Wie wurden die aus den ehemaligen ungarischen Gebieten kommenden Flüchtlingsmassen empfangen, von denen viele jahrelang in Eisenbahnwagen gewohnt haben?

Anfangs war der Empfang wohl freundlich. Aber später, als offenbar wurde, dass die Flüchtlinge auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt Konkurrenz bedeuteten, hat sich die Stimmung sicher geändert. Zudem haben die ursprünglichen Förderer einige Zeit später selbst Unterstützung benötigt. So kann man sich die Menge an zwischen Mitleid und Bosheit oszillierender Meinungen erklären.

Gab es jene, die einen Frieden herbeigesehnt hatten, welcher Art auch immer, damit dieser einen Abschluss und Neubeginn bringen möge?

Den Frieden hat wohl jeder herbeigesehnt, aber einen wirklichen Neubeginn brachte erst das Ende der Räterepublik.

Die Geschichte scheint mit uns zu leben, da der hundertste Jahrestag des Vertrags von Trianon nun erneut die Gemüter erhitzt. Es sei nur daran erinnert, dass das Datum des Friedensvertrags in Rumänien ein Feiertag wurde. Die Grundlage der Geschichtsschreibung ist idealerweise ja seit der Antike, sich frei zu machen von Zorn und Befangenheit. Existiert Ihrer Meinung nach ein historisches Minimum in der ungarischen, rumänischen und slowakischen und sonstiger Geschichtsschreibung hinsichtlich Trianon? Und wenn nicht, warum? Wie könnte man dieses Minimum schaffen?

Selbstverständlich gibt es ein historisches Minimum, hinsichtlich bestimmter Tatsachen sind wir uns einig. Die aus diesen gezogenen Schlussfolgerungen gehen jedoch weit auseinander.

Es gibt keinen Konsens, da die nationale Heilsgeschichte und die Erschaffung des eigenen Nationalstaats auf einer Seite (oder zumindest der erste Schritt dazu) gleichzeitig die Tragödie einer anderen Nation bedeuten. Zur Schaffung eines Konsens / eines historischen Minimums wäre zunächst politischer Wille nötig, den ich nicht sehe. Zugleich warne ich jeden in einem solchen Minimum zu sehen, dass irgendein Historiker irgendeines Nachbarstaates sich auf die Knie wirft, die Sünden der eigenen Nation anerkennt und die verlorenen Gebiete auf dem Silbertablett anbietet: das wird sicher nicht geschehen.

(Interview von Miklós Halász-Szabó – Hungary Today, übersetzt von Kinga Kenyeres-Gyulassy, Fotos: Attila Lambert)