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„Ich bin zu einem Drittel Venezolaner, einem Drittel Ungar und einem Drittel Österreicher – aber die ungarische Identität in mir ist am stärksten“

Zsófia Nagy-Vargha 2020.02.27.

„Ich bin zu einem Drittel Venezolaner, einem Drittel Ungar und einem Drittel Österreicher – lautet die Antwort, wenn Carlos Müller danach gefragt wird, zu welcher Nationalität er sich zugehörig fühlt. Der ehemalige Polygraph-Expert lebt derzeit in Budapest, vor zwei Jahren hat er die Karibik mit zwei Koffern verlassen. Seiner Meinung nach sind die Ungarn viel freundlicher und positiver als es ihm noch die älteren Generationen in Venezuela erzählt hatten. Interview.

Was für eine Lüge konnten Sie zum letzten Mal mit einem „Lügendetektor“ enthüllen?

Das ist eine sehr schwere Frage (lacht). Exakt kann ich mich daran nicht erinnern. Ich habe mich in Venezuela 18 Jahre lang professionell mit polygraphischen Untersuchungen beschäftigt und habe währenddessen sehr viele Lügen entdeckt, genauso wie auch einige Wahrheiten. 18 Jahre Erlebnis mit dem Lügendetektor… da hat man sehr viel gesehen. Vor allem in einem Land, in dem es eine sehr hohe Kriminalitätsrate gibt.

Fehlt diese Arbeit Ihnen nicht?

Selbstverständlich fehlt es mir. Es war nicht einfach, den geliebten Beruf und andere berufliche Tätigkeiten nach 18 Jahren hinter mir zu lassen und etwas Neues zu beginnen. Wir haben erst vor einigen Jahren die Entscheidung getroffen, dass wir ein neues Leben in Ungarn anfangen wollen. Da musste man Dinge hinter sich lassen.

Wollten Sie sich nicht mehr damit beschäftigen oder gibt es in Ungarn keinen Markt dafür?

Ich habe mich vorher, noch aus Venezuela, im Vorhinein erkundigt und die Antworten lauteten, dass es hier dafür keinen Markt gibt. Aber als ich schon hier war sagten viele, dass es in Zukunft – obwohl es zurzeit noch keine Nachfrage auf dem Markt danach gibt – doch funktionieren kann. Am Anfang dachte ich noch, dass es gut ist, wenn man etwas komplett Neues anfängt, neue Erlebnisse im Leben sucht. Obwohl ich es gerne weiter machen würde, ist es doch kein Problem, dass ich mich jetzt nicht mehr damit beschäftige.

Warum gibt es keinen Markt für einen Lügendetektor in Ungarn? Sind die Leute „anständiger“?

Erstens ist es Gewohnheitssache: Die Leute in Ungarn kennen diese Methode noch nicht und sie sind auch nicht daran gewöhnt, dass jemand nachfragt, ob sie wirklich die Wahrheit sagen. Zweitens benutzen wir in Venezuela den Lügendetektor sehr oft im geschäftlichen Bereich, vor allem bei der Rekrutierung von Personal. In Südamerika will man genau wissen, wen man aufnimmt. Natürlich will man ehrliche Personen beschäftigen. Die grundsätzliche Philosophie ist also, dass wir jedem etwas beibringen können, aber wir können nicht jeden erziehen.

In Ungarn versuche ich in erster Linie, die Methode den Menschen näher zu bringen, ihnen zu erklären, wie wir Polygraphen in Venezuela einsetzen. Ich habe schon an einigen Orten Vorträge dazu gehalten und möchte das gerne fortsetzen.

Das heißt, die Auftraggeber für den Einsatz von Polygraphen waren vor allem Unternehmen?

Wir haben mit den Unternehmen privat zusammengearbeitet. Es gab zwei große Bereiche: Rekrutierung und Sicherheitsberatung. Wenn es beispielsweise ein Verbrechen gab, haben wir mit dem Lügendetektor Fälle aufdeckt, die die Polizei allein nicht aufdecken konnte.

Foto: Attila Lambert

Womit beschäftigen Sie sich derzeit?

Hier in Budapest arbeite ich in einer indischen multinationalen Firma als Leiter in der Rekrutierung. Ich habe es also geschafft im selben Geschäftsbereich zu bleiben, den ich schon aus Venezuela kannte. Es ist ein großartiges neues Erlebnis, bei einem so großen multinationalen Unternehmen zu arbeiten. Fast 100 verschiedene Nationalitäten arbeiten hier, ähnlich wie in Venezuela, das auch sehr multikulturell ist. Das Land ist durch Immigranten aufgebaut worden, daher bin ich daran gewöhnt, mit Menschen aus der ganzen Welt in Kontakt zu sein. Ich fühle mich in der Firma wie zu Hause.

Sie sprechen sehr viele Sprachen fließend. Welche sind das?

Spanisch, Deutsch, Ungarisch und Englisch.

Wenn Sie gefragt werden, zu welcher Nationalität Sie gehören, was sagen Sie?

Das ist eine schwierige Frage.

Ich glaube ich bin zu einem Drittel Venezolaner, einem Drittel Ungar und einem Drittel Österreicher. Es hängt davon ab, wo ich bin, was ich gerade mache und welche Sprache ich am meisten benutze. Es gab Zeiten, in denen ich mich eher als Venezolaner fühlte und weniger als Ungar oder Österreicher. Dann wiederum gab es auch Momente, in denen ich mich mehr als Ungar fühlte.

Ich glaube, dass die venezolanischen und ungarischen Identitäten einen größeren Einfluss in meinem Leben hatten. Ich bin in Venezuela geboren, aufgewachsen, habe die Schule dort besucht, hatte dort Freunde, habe dort lange gearbeitet und bin zur Universität gegangen. Andererseits bin ich seit meinem 4. Lebensjahr ein aktives Mitglied der ungarischen Gemeinschaft: Ich besuchte den ungarischen Kindergarten in Caracas und war danach bei den ungarischen Pfadfindern aktiv.

Es gibt ein sog. Ungarisches Haus in Caracas und ich habe fast mein ganzes Leben in diesem Haus verbracht. In den letzten zwei Jahren habe ich das Haus geleitet und versuche das auch von hier aus fortzuführen. Die ungarische Kultur und die ungarischen Traditionen waren mir immer sehr nah. Die österreichischen weniger, vielleicht weil wir in Venezuela keine österreichische Gemeinschaft hatten. Eine deutsche wiederum gab es: Alle deutschsprachigen Kolonien trafen sich in einer katholischen Gemeinde. Dort gab es unterschiedliche Programme, so versuchte ich auch die österreichischen Traditionen und die deutsche Sprache beizubehalten.

Foto: Attila Lambert

Man sagt, dass es schwieriger ist, die Wurzeln dort beizubehalten, wo die Mutter keine Ungarin ist. Ihre Mutter ist eine Österreicherin. Wie konnte die ungarische Identität in Ihnen doch so stark werden?

Ich weiß nicht, wie es meine Eltern unter sich geregelt haben, aber die ungarische Identität war bei uns dank meines Vaters immer ein bisschen stärker präsent. Vielleicht, weil wir in der ungarischen Kolonie mehr Möglichkeiten hatten, die Kultur und die Traditionen zu leben.

Ich spreche mit meinem Vater nur Ungarisch, mit meiner Mutter Deutsch. Die gemeinsame Sprache ist für uns das Deutsche. Das Abitur habe ich in einer deutschen Schule abgelegt, dort kam ich auch mit der europäischen bzw. deutschen Kultur in Kontakt. Außerdem mag auch meine Mutter die ungarische Kultur sehr. Das hat wahrscheinlich auch dazu beigetragen, dass ich mehr ungarisch bin.

Sie haben die Pfadfinderbewegung erwähnt. Ist sie noch ein aktiver Teil Ihres Lebens?

Ich bin seit meinem 6. Lebensjahr ein Pfadfinder. Man sagt, man hört nie auf, Pfadfinder zu sein. Als wir unser Halstuch bekamen, haben wir geschworen lebenslang Pfadfinder zu bleiben. Sowohl in Venezuela als auch hier in Ungarn bestehen unsere Pfadfindergruppen weiterhin. In Budapest haben wir letztes Jahr mit Mitgliedern aus Venezuela eine spanischsprachige Gruppe gegründet. Diese Gruppen haben die im Land lebenden Ungarn zusammengebracht. Das war eigentlich der wichtigste Motor der ungarischen Identität. Viele von uns haben dann gemerkt, wie wichtig diese Arbeit unserer Eltern war. Dank ihnen konnten wir die ungarische Kultur kennenlernen und jetzt ist es viel leichter, unser Leben in Ungarn neu zu beginnen. Wir erlernten nicht nur die Sprache und die Kultur, sondern auch die Denkweise.

Sie leben seit 1,5 Jahren in Ungarn. Haben Sie sich das Leben in Budapest so vorgestellt?

2012 habe ich gemerkt, dass ich Venezuela irgendwann verlassen muss aber die Entscheidung habe ich erst 2018 getroffen. Der Anfang hier war nicht so einfach, es war doch ein bisschen leichter, als ich es mir vorgestellt hatte. Es war ein großer Vorteil, dass ich die Sprache kannte. Ich hatte vorher gelesen, dass es in Ungarn sehr viele Arbeitsmöglichkeiten gibt, doch es war mühsam und langwierig, eine neue Arbeit zu finden und alles neu aufzubauen.

Eine positive Überraschung war, dass – obwohl ich von der älteren Generation in der ungarischen Gemeinschaft sehr oft gehört hatte, dass in Ungarn alle sehr traurig und depressiv sind – meine Erfahrungen hier gänzlich anders sind. Die Menschen haben mich sehr freundlich und offen empfangen.

Gab es auch negative Überraschungen?

Am Anfang fand ich die Stadt ein bisschen alt. Ich meine die Architektur. Budapest ist sehr schön, aber alt. Zum Beispiel die Türen. (Lacht.) Ich habe meinen ungarischen Freunden gesagt, dass ich nicht verstehe, warum die Menschen die alten Türen nicht wenigstens streichen. Sie sagten: „Ja, aber diese Türen haben 150 Jahre Erfahrung! Mit dieser Tür darf man nichts machen, diese Tür muss so bleiben.“ In dieser Frage ist vielleicht meine österreichische Mentalität stärker: wenn etwas nicht gut aussieht, dann muss man es richten. Das ist natürlich eher eine Anekdote und keine wirklich negative Überraschung. Die meisten ersten Erfahrungen waren positiv.

Sie haben vorhin in einem Interview gesagt, dass fast alle Ihrer Klassenkameraden nach dem Abitur nach Europa gegangen sind. Warum sind Sie erst mehrere Jahre später nach Ungarn gezogen?

Das waren Zeiten, in denen ich mich mehr als Venezolaner fühlte als etwas Anderes. Ich glaube damals war ich mir zu 100 % sicher, dass ich das Land nie verlassen will. Es war genau 2000. Ich stand da kurz nach dem Abitur, hatte viele Freunde, wir besuchten Strände und alles Mögliche, diese Jahre waren sehr gut. Ich dachte damals, dass es ein Land voller Möglichkeiten ist. Leider hat es sich mit der Zeit völlig geändert, aber ich bin doch dortgeblieben.

Foto: Attila Lambert

Sie erwähnten das Jahr 2012. Was passierte damals genau?

Im Dezember diesen Jahres bestimmte der Staat, dass ein großer Teil der Geschäfte des Landes seine Waren billig verkaufen soll. Der Staat bestimmte sogar den Preis dafür. Viele unserer Kunden haben das Land danach verlassen und dadurch haben wir sehr viele Kunden verloren. Wir merkten, dass die Sachen wirtschaftlich nicht mehr funktionieren werden. Nach 2012 haben wir nur dafür gearbeitet, dass wir die Firma überhaupt aufrechterhalten können. Wir hatten fast kein Profit mehr. Außerdem hat alles, wie zum Beispiel Wohnungen, Autos etc. seinen Wert verloren. Heutzutage hat es keinen Sinn mehr, diese Dinge zu verkaufen.

Wie sah der Alltag aus? Welche Schwierigkeiten hatten Sie?

Wo es wirtschaftliche Schwierigkeiten gibt, gibt es automatisch auch Probleme mit der öffentlichen Sicherheit. Die Leute haben kein Geld, die Kriminalität wächst. Es gab Zeiten, in denen wir uns mit Angst auf der Straße bewegten.

In Caracas gab es an nur einem einzigen Wochenende 30-40 Mordtaten. Bei einer solchen Statistik lebt man natürlich in Angst. Viele unserer Bekannten wurden überfallen, ausgeraubt oder entführt.

Es war einer der Gründe, warum ich mich entschieden habe, das Land zu verlassen. Auch mit der Medizinversorgung gab es Probleme und das Gesundheitswesen funktionierte ebenso nicht mehr gut. In den Supermärkten gab es sehr wenige Waren. Für mich war das eigentlich nicht das größte Problem. Ich bin Pfadfinder und weiß, wenn es keine Kartoffeln gibt, dann gibt es Reis, wenn es keinen Reis gibt, dann gibt es irgendetwas Anderes. Außerdem mussten wir von einem Tag in den anderen leben. Wir wussten nicht, was am nächsten Tag passieren wird. Die Spielregeln wurden ständig verändert: man musste jeden Tag die Nachrichten lesen, um zu wissen, was erlaubt ist und was verboten …

In gewisser Weise ähnelt Ihre Geschichte der Geschichte Ihres Großvaters, der seine Heimat, Ungarn, mit zwei Koffern verlassen hat. Was mussten Sie in Venezuela lassen?

Auch ich bin genau mit zwei Koffern zurückgekommen – eben was die Fluggesellschaft erlaubt hat. Die materiellen Sachen sind noch das Wenigste. Wir haben unsere Wohnung verschlossen und alles dort gelassen. Ein paar Sachen habe ich verkauft, wie zum Beispiel mein Auto.

Mein ganzes Leben musste ich hinter mir lassen und von Null anfangen. Wer du warst, was du gemacht hast, das alles bleibt hinter dir, das kannst du nicht mitbringen. Hier kannten mich die Menschen nicht. Wer seine Heimat verlässt, wird in einem neuen Land automatisch ein Niemand.

Meine Eltern leben immer noch in Venezuela. Meine Mutter ist 79, mein Vater 77. Er sagte, er sei schon einmal emigriert und wolle es nicht ein zweites Mal durchmachen. Es ist wirklich traurig, dass die dritte Generation unserer Familie das gleiche erleben sollte, was unsere Großeltern und Eltern in den 50-ern. Meine Mutter sagte das gleiche, und dass sie in Europa keinen Winter mehr aushalten würde. Sie haben sich schon an das tropische Klima gewöhnt.

In den letzten Jahren sind viele Menschen aus Venezuela nach Ungarn gekommen. Stehen Sie mit ihnen in Kontakt?

Ich kenne viele von ihnen. Vor allem diejenigen, die in der ungarischen Kolonie in Venezuela tätig waren. Diese bestand aus ungefähr 2500 Personen. Obwohl alle von ihnen ungarische Vorfahren haben, können sehr viele keine Ungarisch mehr. Wer die Sprache nicht kennt, der hat Schwierigkeiten mit der Integration, obwohl man sich mit English sehr gut verständigen kann.

Foto: Attila Lambert

Verfolgen Sie die venezolanischen Ereignisse?

Als ich am Anfang nach Ungarn kam, habe ich vielleicht alle zwei Stunden die Nachrichten angeschaut, um zu erfahren, was Neues passierte. Jetzt verfolge ich die Geschehnisse immer noch, aber nur noch 2- bis 3-mal pro Woche. Außerdem rufe ich regelmäßig meine Freunde an, die wirklich objektiv über die venezolanische Situation berichten können.

Denken Sie, dass Sie einmal zurückkehren werden?

Es ist nicht einfach, diese Frage zu beantworten. Vielleicht ja, wenn ich schon pensioniert bin. (Lacht.) Niemand kann sagen, was uns in der Zukunft erwartet. 2000 hätte ich auch nie gedacht, dass ich einmal nach Ungarn gehen werde. In den nächsten 15 Jahren werde ich wohl nicht zurückkehren, denn das Land sollte zuerst in Ordnung gebracht werden und das braucht viel Zeit. Es wäre außerdem nicht einfach, mein Leben dann wieder neu zu beginnen.

(Fotos: Attila Lambert)