Panorama

Kleines Szeklerland in der Mitte des Budapester Betons

Ich machte eine Stichprobe unter meinen Szekler-Bekannten: ich fragte sie, ob sie das Restaurant „Bujdosó Székely” in Budapest kennen. Ohne Ausnahme bekam ich die Antwort „Ja!” Es ist kein Wunder. Wenn jemanden das Heimweh quält, soll nur die U-Bahn Linie 3 nehmen, und bis zur Endstation Kőbánya-Kispest fahren. Hier, ein paar Meter von der Station entfernt baute András Bacsó sein Restaurant und einen sogenannten „Zaubergarten von Szeklerland“. Der Besitzer hat ein kleines Stück Siebenbürgen nach Budapest hingezaubert: wer das Szekler Tor betritt, findet sich in einem wahren Märchen. Wenn jemand das Restaurant in der Hitze aufsucht, muss sich nach dem Bummeln im Garten unbedingt mit einem Glas eiskalten „Csíki Sör“ (Bier aus Szeklerland) oder Sauerwasser abkühlen. Danach können die echten Speisespezialitäten aus Siebenbürgen kommen.

An einem heißen Sommertag sitzen wir bei einem eiskalten „Csíki-Bier” und einem Schnaps („fenyővíz”) und beginnen miteinander zu reden.  Um uns herum ist eine Menge von Reliquien aus Szeklerland: Landkarten, Fahnen, Wappen verschiedener Siedlungen, Handwerksprodukte und ein riesiges Wandgemälde von Csíkzsögöd. Aus dieser siebenbürgischen Siedlung stammt „Ritter“ András Bacsó. (Er erbte den Adelstitel von seinem Großvater.) Neben dem Bild, das Csíkzsögöd voll von Kiefern und Berge darstellt, erzählt András warum er vor 28 Jahren ins Mutterland gezogen ist. Er kam nach Ungarn, um seinen Lieblingssport, Eishockey professionell spielen zu können. Er war Mitglied der Mannschaft von Újpest und spielte da mit seinem Jugendfreund Attila Ambrus. (Er ist der berühmte „Whisky-Bankräuber“ in Ungarn.)

 

Handwerksprodukte von Attila Ambrus dem „Whisky-Bankräuber“, Foto: Vivien Cher Benkő

 

Später verließ er den Spitzensport und begann sich mit Gemüsehandlung zu beschäftigen. Er hat seine – ebenfalls Szekler – Frau so kennengelernt. Sie entschieden sich zusammen, ein Restaurant in Budapest zu öffnen.

„Ich bin so sehr dankbar für meine Frau und meine Tochter, die meine Kellnerin im Restaurant ist, und natürlich auch für Gott… Ich weiß nicht, wie es in dieser schwierigen Welt ohne sie wäre.“

András ist ein wahrer Gastgeber: bevor er uns in den „Märchengarten“ rundherum leitet, schickt er den Auftrag dem Küchenchef: „ein richtiges Festmahl“ soll uns erwarten, wenn wir in die schattige Terrasse des Restaurants zurückkehren. Auf dem benachbarten Eckgrundstück befindet sich der Garten, den man durch ein riesiges Szeklertor betreten kann. Darauf steht die Aufschrift: „Dem heiligen Glauben deiner Vorfahren, den Wurzeln deiner Nation, Bruder werde nie untreu!“ Das Tor ist auch authentisch: das ist die Schöpfung eines Holztischlers aus Székelyudvarhely.

 

Foto: Vivien Cher Benkő

 

Alles ist sehr präzise gestaltet: zu den kleinen Ecken des Gartens führen gepflasterte Straßen. András betont, dass alle Baumaterialien – Steine und Hölzer – aus dem Szeklerland stammen. Vorige aus Gyergyóújfalva, letztere aus Gyergyóditró. Der Park wurde auf dem Gebiet der Bezirksverwaltung gebaut, mit einer kleinen Summe hat die Behörde die Eröffnung unterstützt, die Miete ist auch symbolisch. András hat nur ein Ziel: seine Heimat denen vorstellen, die noch nie dort waren. „Diejenige, die nach Szeklerland oder nach Csíksomlyó nicht fahren können, Kinder, ältere Menschen, sollen uns besuchen, unser kleines Szeklerland, und werden alles sehen. Es ist eine kleine Szekler-Insel. „

 

Foto: Vivien Cher Benkő

 

Es ist ein großartiger Traum des Besitzers, durch Projektoren den Kirtag von Csiksomlyó hier, auf dem Hof, in Kispest zu folgen. Er will sogar einen echten Wallfahrtsort bei der Reproduktion der siebenbürgischen Muttergottes-Statue schaffen.

 

Foto: Vivien Cher Benkő

 

Mitte September wird Csaba Böjte die sog. „Székler-Seele Glocke“ (Székelylélek harang) weihen. Der Pater kommt nicht zum ersten Mal zu Besuch.

„Als Bruder Csaba vor ein paar Jahren zum ersten Mal hierher kam und sich dieses kleine Heiligtum ansah, bat er uns, die Tür für 10 Minuten zu schließen. Er stand da und sagte kein Wort.“ 

An den verschiedenen Punkten des Gartens finden wir vier sog. „kopjafa“ (Es ist eine aus Holz kunstvoll geschnitzte, mannshohe Gedenksäule, die in Szeklerland sehr verbreitet ist, und dient oft auch als Grabzeichen auf den Friedhöfen.). Eines erinnert an die Schlacht bei Nyergestető (1849). Es gibt auch solche, die wichtige Phasen oder Ereignisse aus dem Leben von András darstellen. Er hat ein anderes anlässlich des zehnten Jubiläums der Gründung des Restaurants gestellt (2007) und eines gedenkt seiner ehemaligen Schule, des Márton Áron Gymnasiums in Csíkszereda. Das wird jedes Jahr von den ehemaligen Schülern der Schule bekränzt. Nicht nur an die großen Persönlichkeiten der Vergangenheit erinnert András in seinem Garten: mit tränenreichen Augen erzählt er, dass auch „der Schneeleopard von Csíkszereda“ hier sich befindet:

„Die Mutter vom Bergsteiger Zsolt Erőss hat in den letzten Jahren viel Zeit in unserem Restaurant verbracht. Sie hat mir traurig erzählt, dass man ihres Sohns nirgendwo in Budapest gedenkt. Dann habe ich ihr versprochen: wenn ich den Garten aufbaue, wird hier Zsolt eine Gedenktafel haben.“

Schließlich bekam er nicht nur eine Gedenktafel, sondern auch eine Kletterwand, neben einem „kopjafa“, das Vierte im Garten. Wir gehen weiter, an einem mittelgroßen holzgeschnitzten Bären vorbei. András bemerkt: „Der Bär ist kein Spiel, aber ein wichtiger Teil von Siebenbürgen, er soll auch eine Statue haben.“ Die Hütte („kaliba“) von Ábel darf auch nicht fehlen: da steht der kleine Junge, aus Holz geschnitten, neben ihm seine Tiere: unter ihnen natürlich der Hund „Bolha“.

 

„Ábel“, Foto: Vivien Cher Benkő

 

Die Augen von András glänzen, wenn wir dazu kommen. „Ábel stammt aus Csíkcsicsó. Mein Vater ist auch da aufgewachsen…  Ich lege immer ein paar Bücher von Áron Tamási hier, die werden leider manchmal gestohlen. Dann bringe ich neue. Die Kinder lesen das mindestens…“

 

Hütte von Ábel („kaliba“), Foto: Vivien Cher Benkő

 

Der Besitzer hat vor, des kürzlich verstorbenen Schriftstellers Sándor Kányádi auch gedenken: „Es ist eine Pflicht für mein Gewissen. Ich besuchte ihn oft in Pest. Einmal versprach ich ihm, dass es auch hier ein sog. „Großvati’s Brunnen“ gestellt wird.“ Wir kommen in die „Kulturkapelle“ an, wo regelmäßig Schullager stattfinden: Kinder lernen Holzschnitzerei und Runenschrift, und sie bekommen ein Malbuch über den Garten, das sie nach Hause mitnehmen können. András hofft, dass man durch die Kinder die Zusammengehörigkeit stärken und das Überleben der ungarischen Nation unterstützen kann.

 

Siebenbürgische Spezialitäten, Foto: Vivien Cher Benkő

 

Wir kehren während des Gesprächs zum Restaurant zurück. Auf dem Tisch wartet auf uns das Mittagessen: Spezialitäten aus Siebenbürgen. „Csorba-“ und KuttelSuppe, „Zakuszka“, „Vinyete“, gefülltes Kraut und Polenta mit Schafskäse. Daneben kaltes Beer, Preiselbeere-Pálinka und kaltes Sauerwasser. (András erzählt uns stolz, dass er den Besitzer der „Csíki“ Bierbrauerei persönlich kennt.) Alle Rohstoffe sind siebenbürgisch, sogar die Schalen werden von einem Szekler-Keramikkünstler hergestellt. Nach dem üppigen und sehr leckeren Mittagessen lässt András unseren Stab nicht mit leeren Händen nach Hause: wir bekommen originelle Szekler-Jams und Pálinka noch dazu. Als Mundvorrat liest er uns den Spruch vor, der sich neben unserem Tisch an der Wand befindet:

„Ungarn konnten ohne Land existieren, Ungarn können ohne Land existieren, Ungarn werden ohne Land immer existieren können. Denn Ungarntum ist stärker als das Land.”

(Fotos: Vivien Cher Benkő)