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Emmy-Siegerin Marina Gera: „Man muss hart für alles arbeiten“

Ungarn Heute 2019.12.20.

Marina Gera hat den „International Emmy Award“ für ihren Auftritt in dem Film „Örök tél“ („Ewiger Winter“) gewonnen. Damit war sie die erste ungarische Emmy-Preisträgerin in der Geschichte von dem internationalen Preis. „Hungary Today“ hatte die Gelegenheit, mit der Schauspielerin zu sprechen. Interview von Fanni Kaszás, Übersetzung: Ungarn Heute. 

Marina Gera wollte seit ihrem zweiten Lebensjahr Schauspielerin werden. Für ihre Rolle in dem Film „Ewiger Winter“ hat sie bereits drei kleinere internationale Auszeichnungen erhalten. 

Viele Nachrichtenportale berichteten über Ihren Emmy-Preis, dass es einer fast unbekannten Schauspielerin vergeben wurde. Warum hätte das so passieren können? Sind Sie kein „Promi“? 

Ich denke, die Medien haben mich einfach nicht beachtet. Aus diesem Grund war ich nicht so bekannt und es gibt einige, die versuchen, mich vorzustellen, als ob ich aus dem Nichts käme. Es ist nicht unbedingt belästigend für mich, es ist einfach nicht wahr. Außerdem,

es malt ein verzerrtes Bild, weil es zeigt, dass eine relativ unbekannte Schauspielerin plötzlich einen Fernseh-Oscar gewinnen kann. Das ist nicht der Fall. Ich habe bereits drei kleine internationale Auszeichnungen für diese Rolle erhalten, die die Medien in Ungarn nicht aufgegriffen haben. 

Es wäre eine großartige Schlagzeile für Klick-Köder…

Genau, auch wenn ich denke, dass es ein viel besserer Titel wäre, dass ich immer eine Filmschauspielerin werden wollte. Ich habe viel gearbeitet, um dieses Ziel zu erreichen, und jetzt werde ich dafür mit einer Auszeichnung geehrt. Aber vielleicht wäre das zu langweilig.

Wie haben Sie die Hauptrolle im „Ewigen Winter“ bekommen?

Attila [Szász, Regisseur des Films] und ich kannten uns bereits und nach einem zweiteiligen Casting wählte er mich aus.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet? Sie mussten zum Beispiel viel Gewicht für Iréns Charakter verloren.

Ich war vorher auch dünn, aber ich verlor ungefähr 10 Kilogramm und wurde noch viel dünner. Die Leute in diesen Lagern hungerten, weshalb ich es auf diese Weise glaubwürdiger fand. Es war meine Idee … Attila hat sich darüber gefreut, aber er hat mich speziell darum nicht gebeten. Ich musste dieses Gewicht während der gesamten Dreharbeiten halten.

Als ich mein Gesicht noch schlimmer und müder machen wollte, habe ich am Vortag nicht getrunken

Dies war der physische Teil der Vorbereitung. Ansonsten habe ich eine Methode zur Vorbereitung auf Rollen, und wir haben auch versucht, die Figur und ihre Beziehungen zusammen mit dem Regisseur aufzubauen. Ich weiß nicht, wie es ist, in einem solchen Lager zu sein, aber ich kann mir schon vorstellen, wie es sein könnte, wenn jemand von ihrem Kind getrennt wird.

 

War jemand in Ihrer Familie in einem russischen Arbeitslager?

Mein Urgroßvater war ein Kriegsgefangener, und obwohl es kein Gulag war, fröstelte er genauso. Er ging aus Russland zu Fuß nach Hause. Er erzählte mir viel über die Zeit, die er dort verbracht hatte, und ich habe die Lagerbriefe aufbewahrt, die er an meine Urgroßmutter schrieb.

Haben Sie diese Briefe während der Vorbereitung für den Film gelesen?

Ja, ich habe sie gelesen. Wie ich bereits erwähnte, war mein Urgroßvater nicht in einem Zwangsarbeitslager, aber die Ferne und der Briefwechsel mit der Familie waren ähnlich. Es gab einige Briefe, die meine Urgroßmutter nicht bekommen hatte, erst als sine Mann schließlich nach Hause zurückkehrte. Und er kam nach Hause, ohne dass es jemand vorher wusste: Er erschien plötzlich am Tor. Aber ich habe viel über die Gulag-Lager gelesen.

War es psychisch und physisch nicht belastend, den Charakter zu spielen? 

Ich habe in jeder Szene mein Bestes gegeben. Es war eine große Verantwortung als Schauspielerin und auch schwer. Ich hatte Tage, die aus 12-14 Stunden Dreharbeiten bestanden, und ich musste die ganze Zeit hundertprozentig arbeiten. Die Verantwortung, die mit der Rolle einherging, war ebenfalls groß. Körperlich war es auch schwer, wegen der Gewichtsabnahme. Während der Drehwochen, in denen ich freie Tage hatte, war es sogar eine Herausforderung, in den Laden zu gehen. Aber ich hatte lange auf eine so große Filmrolle gewartet.

Sie haben sich auch sehr gefreut, für den Emmy nominiert zu sein. Wie ich in einem Video gesehen habe, Sie haben sogar geweint.

Es war eine große Überraschung, dass die Akademie mich zu einer der vier besten Schauspielerinnen der Welt in dieser Kategorie gewählt hat. Kein ungarischer Schauspieler wurde zuvor als einer der besten vier nominiert. Da ungarische Schauspieler nicht für einen Oscar in ungarischen Farben nominiert werden können, ist der „Fernseh-Oscar“, der Emmy, die prestigeträchtigste Auszeichnung, die wir bekommen können. Mein britischer Produzent, der mich vor einem Jahr wegen eines Films kontaktiert hatte, sagte, wenn ich „nur“ Kandidat bleibe, wird die Nominierung auch viele Türen für mich öffnen.

Der ersten ungarischen Emmy-Nominierung folgte der erste ungarische Emmy. Dies mag eine noch größere Überraschung gewesen sein.

Obwohl das Publikum nur den Abend der Preisverleihung sehen konnte es war ein viertägiges Festival, bei dem wir Top-Produzenten und der ausländischen Presse vorgestellt wurden und wir gaben mehrere Interviews. Die Leute haben sich sehr für mich interessiert und ich dachte, das liegt daran, dass es noch nie einen ungarischen Kandidaten gegeben hat. Ich fand es natürlich und genoss es einfach, in einem so professionellen Umfeld zu sein. Dann sagten mir andere ungarische Künstler und Mitarbeiter des Konsulats: „Hast du nicht bemerkt, wie viel Aufmerksamkeit sie dir geschenkt haben?“ Es ist auch eine Tatsache, dass sie mich vor der Preisverleihung zum Akademiemittagessen eingeladen haben, wo ich die einzige Schauspielerin und der einzige Nominierte war. Ich traf ein paar Leute von der Akademie und sie wussten, wer ich war und schauten mich mit funkelnden Augen an. Aber natürlich war ich besorgt, als sie die Umschläge öffneten.

Haben Sie eine Rückmeldung darüber erhalten, warum die Jury gerade Sie ausgewählt haben?

Ja. Diejenigen, die mit mir sprachen, sagten, dass ich einen fantastischen Job gemacht habe und was ich weiß und tue, ist etwas Besonderes. Sie sagten auch, es sei sichtbar, wie gut wir mit dem Regisseur zusammengearbeitet haben, dass es eine Teamleistung war. Ohne das hätten wir es wirklich nicht geschafft:

Wir hatten beide eine Vision von der Figur und vom Film und stellten sie zusammen. Wir beide haben Irén aufgebaut

Der Tag der Preisverleihung war auch der Gedenktag der Zwangsarbeiter… 

Als sich nach meiner Nominierung herausstellte, dass die Zeremonie am selben Tag stattfinden würde, hatte ich mich bereits entschieden, dies zu erwähnen. Es war so berührend, weil es ein Zufall war, dass die Jury nichts davon wusste, als sie mich nominierten. Scon vor der Bekanntgabe der Ergebnisse hatte ich in den Interviews auf dem roten Teppich gesagt, dass es toll ist, dass dieser Film gerade an diesem Tag im Fokus steht. Man reagierte sehr gut auf meine Rede und ich erhielt einen großen Applaus.

Zunächst haben Sie sich bei Ihrem Stiefvater in Ihrer Dankesrede bedankt. Welche Rolle spielte er in Ihrer Karriere?

Er spielte eine riesengroße Rolle in meiner Karriere. Wir arbeiten schon seit 20-25 Jahren zusammen daran, dass ich eine Schauspielerin werde, die beispielsweise für eine solche Hauptrolle ausgewählt werden kann. Ich habe ihm auch zuallererst gedankt, denn obwohl ich natürlich den Schöpfern des Films auch dankbar bin, bin ich nicht während des Films Schauspielerin geworden.

Ich habe gelesen, dass du schon mit zwei Jahren Schauspielerin werden wolltest. 

Ja, ich bin seit meinem fünften Lebensjahr auf der Bühne, aber ich wollte bereits im Alter von zwei Jahren Schauspielerin werden. Also ich bin nicht „aus dem Nichts“ gekommen.

Warum gerade Schauspielerin? 

Schon als Kleinkind spielte ich sehr gerne verschiedene Charaktere. Ich ahmte sehr gerne nach und interessierte mich immer für die komplizierteren Dinge: wenn Leute etwas logen oder versteckten. Ein Kind fühlt, wenn etwas nicht stimmt. Das sind die wirklich interessanten Momente.

Was sind Ihre Tugenden? 

Sie sollten vielleicht andere darüber fragen, weil ich meine schlechten Eigenschaften leichter auflisten kann. Es mag ein Klischee sein, aber ich glaube wirklich an harte Arbeit. Und natürlich  an Ausdauer. Man soll für alles hart arbeiten und Glück kommt nur danach – wenn es überhaupt kommt. Ich habe zum Beispiel Glück, dass ich eine wichtige Rolle bekam, in der ich mein Talent unter Beweis stellen konnte.

Ungarn ist in dieser Hinsicht ein ziemlich kleiner Markt…

Ja, es werden nur 10 bis 12 Filme pro Jahr gedreht, es bedeutet viel weniger Möglichkeiten als in vielen anderen Ländern. Man schreibt hier keine Rollen für einen konkreten Schauspieler,

Eine größere Rolle, die die internationale Filmbranche möglicherweise bemerkt, ist nur sehr selten. Und es ist überhaupt nicht sicher, ob ein Schauspieler in diese Rolle passt oder ob er sie überhaupt bekommt.

Deshalb haben Sie gesagt, dass Sie diesen Film für Ihre erste und letzte Chance halten?

Ja. Ich habe nicht daran gedacht, dass ich bisher erfolglos war, das ist nicht der Fall. Es geht eher darum, man bekommt nur sehr elten eine solche Möglichkeit.

Mit dieser Auszeichnung eröffnen sich Ihnen jedoch auch internationale Chancen.

Wegen der Nominierung hat mich bereits ein deutscher Regisseur kontaktiert, der hier in Ungarn filmen wird. Ich habe bereits mit einem englischen Produzenten zusammengearbeitet, der seit einem Jahr mit mir in Kontakt steht. Dort suchen sie gezielt eine Rolle für mich.

Haben Sie schon konkretere Möglichkeiten im Ausland?

Mit dem englischen Produzenten, der mich letztes Jahr kontaktiert hat, haben wir mehrere gemeinsame Ideen, und ich habe sogar eine eigene, an der ich sehr lange nachgedacht und gearbeitet habe. Er mochte es auch, also schlug ich die Idee vor und es ist eine Art gemeinsames Projekt geworden. Wir haben auch in meiner Emmy-Vorstellung geschrieben, dass wir einen gemeinsamen Filmplan haben.

Was bedeutet der Emmy für Sie persönlich und als Schauspielerin?

Es hat mir gezeigt, dass jemand aus Ungarn auch für die internationale Film- und Fernsehakademie sichtbar werden kann. Offensichtlich hat auch Ungarn durch meinen Preis einen starken Fokus bekommen. Ich denke, viele Leute haben versucht, diesen Preis auf viele verschiedene Arten zu interpretieren, um zu sehen, für wen es noch unterschiedliche Chancen bringen kann. Es ist auch eine große Sache für die ungarische Filmproduktion, aber da es sich um einen Schauspielerpreis handelt, würde ich sagen, dass dies insbesondere für ungarische Schauspieler ein Lob ist.

Das ist eine Anerkennung für meine Arbeit, aber auch ein Zeichen dafür, dass es eine solche Chance gibt. Auch wenn wir nicht von einem weltberühmten TV-Unternehmen oder Streaming-Dienstleister unterstützt werden, können wir uns dennoch bemerkbar machen.

Fühlen Sie sich jetzt schon als ein Filmstar? 

Als ich nach Hause kam, wurde ich mit einer großen Veränderung konfrontiert. Ich bekomme zum Beispiel sehr-sehr viele Telefonanrufe. Ich freue mich sehr über diese Anfragen.

Mein größtes Ziel ist es, weiterhin sowohl in ungarischen als auch in internationalen Filmen aufzutreten. Ich möchte nicht mehr die Aufmerksamkeit der Medien auf mich zu ziehen, ich freue mich nur, dass mich die ungarische Presse endlich wahrgenommen hat. Ich wünsche Allen einen ähnlichen Erfolg.

(Interview geschrieben von Fanni Kaszás – Hungary Today, Beitragsbild und Fotos: Zita Merényi)